Andreas Schlüter:
Haben die Technischen
Hochschulen versagt?

Bologna-Reform: Andreas Schlüter antwortet auf den Kommentar

von TU9-Präsident Horst Hippler.


In gekürzter Fassung erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
am 23. Dezember 2009


Die Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master hat nicht
zu einer Verbesserung des Studiums an Technischen Universitäten geführt.
Nicht zuletzt deshalb, weil die Chancen der Reform nicht genutzt wurden.
Diese Aussagen des Stifterverbandes wies der Rektor der Universität
Karlsruhe Horst Hippler an dieser Stelle vor einer Woche mit deutlichen
Worten zurück.

Horst Hippler und seine Mitstreiter haben in Karlsruhe Großes geschaffen.
Das aus der Fusion von Universität und Forschungszentrum Karlsruhe der
Helmholtz-Gemeinschaft entstandene Karlsruhe Institute of Technology KIT
ist ein wirklich wegweisendes Modell für die Forschung mit sehr viel
Potenzial für Innovationen in der Lehre und der Curriculumsentwicklung.
Nicht umsonst ist das Konzept in der ersten Runde de Exzellenzinitiative
prämiert worden. Hipplers Wort hat also Gewicht. Der Stifterverband
hört genau hin.

Bildung sei keine Ware. Das Studium müsse Luft lassen, "auch mal eine
ganz andere Vorlesung zu besuchen", für die es keine Punkte gibt, schreibt
Hippler. Genau richtig: Bildung braucht den Blick über den Tellerrand.
Genau das war aber das Problem der alten Ausbildung zum Diplom-
Ingenieur. Die fachliche Exzellenz stand im Vordergrund. Studieninhalte
für die Persönlichkeitsbildung, neudeutsch Schlüsselqualifikationen, gab es
dagegen kaum. Das ist leider weitgehend noch immer so. Hier wird eine
Chance verschenkt.

Hippler schreibt, sechs Semester reichten für die "Erlangung von
Forschungskompetenz" nicht aus. Mag sein. Wenn die Technischen
Hochschulen ihre Ingenieure 10 Semester lang zu exzellenten Forschern
ausbilden wollen, dann sollen sie das gerne tun. Das erlaubt das alte wie
das neue System, also nur zu, egal wie sich der Abschluss nennt.

Damit sind wir aber bei den Kernproblemen. Es gelingt Ihnen nämlich
mehrheitlich nicht. Der Master soll der Regelabschluss sein, wird prokla-
miert. Der Regelabschluss an Technischen Universitäten ist aber der
Studienabbruch. Auch der Dipl.-Ing. war nie der Regelabschluss.
Sechs von zehn Studienanfängern, die nach Aachen gehen und fünf von
zehn, die nach Karlsruhe pilgern, verlassen die Stadt ohne Abschluss.
Das Risiko der Studierenden ist also nicht so sehr, mit dem Bachelor
womöglich keine Anstellung zu finden, worum sich Horst Hippler sorgt.
Das Risiko ist größer, und es kommt eher. Es ist nämlich die Gefahr,
das Studium gar nicht erst abzuschließen.

Eine Wurzel des Risikos ist nach Auffassung des Stifterverbandes und
vieler seiner Mitgliedsunternehmen die starke Trennung von Theorie
und Praxis in den alten Ingenieurstudiengängen. Horst Hippler antwortet,
Theorie und Praxis seien doch eng verzahnt. Viele Professoren kämen
nach einer Laufbahn im Unternehmen an die Universität. Zudem gebe
es einen engen Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und
viele Drittmittelprojekte, in denen die Studenten wertvolle Praxiserfah-
rungen sammeln können. Da hat er recht, aber das ist nicht der Punkt.
Denn das Kernproblem der alten Ingenieurstudiengänge war, dass die
mathematischen und physikalischen Grundlagen getrennt von den
technischen Anwendungen vermittelt wurden, wie viele Experten
bestätigen.

In anderen Worten: Bis zum Vordiplom mussten die Studenten (Studentinnen
gab es kaum) Theorie pauken, ohne zu erkennen, wofür. Die praktischen
Anwendungen kamen erst mit einem Zeitversatz von ein bis zwei Jahren
dran, dann war wiederum die theoretische Grundlage oft nicht mehr
präsent. Die Folge waren Frust und Zweifel am Sinn des Studiums.
Wenn man dann noch um die in den Ingenieurfakultäten verbreitete
"Kultur des Rausprüfens" in den ersten Semestern weiß, muss man sich
über die hohen Abbrecherquoten nicht wundern. Dieser Haltung liegt ein
falsches Verständnis von Exzellenz zugrunde. Die Professoren sollten sich
für den Erfolg aller Studenten verantwortlich fühlen. Die Bolognareform
böte dazu die Gelegenheit. In anderen Fächern wurde sie auch ergriffen.

Der grundlegende Kulturwandel ist unter den Ingenieuren bisher ausgeblieben.
Darauf deuten die laut Hochschul-Informations-System GmbH HIS gegen den
allgemeinen Trend gestiegenen Abbrecherquoten in den Bacheloringenieur-
studiengängen hin. Überall sonst sind die Absolventenquoten gestiegen,
ist auch die Zufriedenheit der Studenten gewachsen. Nur dort, wo der
Diplomingenieur als "Markenzeichen" (Hippler) verteidigt wurde, scheint
die Reform schiefgegangen zu sein.

Dass es auch anders geht, zeigen viele Beispiele. An der TU Darmstadt
haben sich die Studiengangsplaner auf den Bolognaprozess ernsthaft
eingelassen und das Maschinenbaustudium vor einigen Jahren gleichsam
neu erfunden. Dort liegt die Abbrecherquote inzwischen unter zehn Prozent,
wie man von Professor Manfred Hampe erfährt. Ähnliches gilt für andere
Bachelorstudiengänge. Ob in Darmstadt, Bayreuth oder Düsseldorf:
"Bologna" funktioniert, wenn sich die Hochschulen nur ernsthaft darauf
einlassen. Der Stifterverband hat einige Studiengänge gefördert, die
wirklich "Reformmut" bewiesen haben, er war von Anfang an nah dran
an den Hochschulen.

Sich ernsthaft auf die Reform einzulassen setzte voraus, das universitäre
Selbstverständnis kritisch zu reflektieren. Die Ingenieurausbildung sollte
sich nicht länger nur am Idealtypus des eigenen Forschernachwuchses
oder des forschenden Spitzeningenieur in der Entwicklungsabteilung eines
High-Tech-Konzerns orientieren. Dies blitzt jedoch auch in den aktuellen
Äußerungen Hipplers immer wieder auf, etwa wenn er behauptet, er
kenne kein Unternehmen, das eine FuE-Abteilung mit Bachelor-Absolventen
besetzen möchte. Abgesehen davon, dass diese Einschätzung nicht stimmt -
hier schimmert der Kern eines überkommenden, aber in selbstreferentieller
Verklärung weiter proklamierten deutschen Universitäts-Selbstverständnisses
hindurch: Wir bilden Forscher aus! Überall sonst weiß man inzwischen:
Dieses Modell des letzten Jahrhunderts bildet weder die gesellschaftlichen
Anforderungen ab, noch ist es finanzierbar. Es taugt nicht mehr für eine
Zeit, in der vierzig Prozent eines Jahrgangs ein Studium aufnehmen.
Für die TUs gilt: Auszubilden sind eben auch Ingenieure für Produktion,
Vertrieb, Management, Menschenpflege und viele andere Aufgaben in
den Unternehmen und der Gesellschaft. Der gesellschaftliche Auftrag ist
eben nicht auf Forschungsexzellenz beschränkt, die in einem zehn-
semestrigen Studium zu erwerben wäre.

Eine aktuelle Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt
eine generell hohe Akzeptanz der neuen Abschlussformen in der Wirtschaft.
Die Studie unterstreicht, dass die Bachelor-Welcome-Erklärungen der
Wirtschaft keine Lippenbekenntnisse waren. Christiane Konegen-Grenier
und Oliver Koppel haben Unternehmen befragt, die Ingenieure beschäftigen
("Akzeptanz und Karrierechancen von Ingenieuren mit Bachelor oder Master-
abschluss“, IW-Trends 4/09, Dezember 2009). Mittlerweile sind demnach
in jedem siebten Unternehmen Absolventen eines Bachelor- oder Master-
studiengangs der Ingenieurwissenschaften beschäftigt, auch wenn deren
Anzahl im Vergleich zu den Diplomingenieuren noch sehr niedrig ausfällt.
Die befragten Geschäftsführer und Personalverantwortlichen sehen für
Bachelor- und Masteringenieure Einsatzmöglichkeiten in nahezu allen
betrieblichen Arbeitsfeldern.

Eine andere Studie der INCHER Forschungsgruppe in Kassel zeigte im
Sommer dieses Jahres: Weder ist die Arbeitslosenquote der Bachelor-
Absolventen im Vergleich zu anderen Hochschulabschlussarten höher,
noch dauert es für Bachelor-Absolventen länger, nach dem Hochschul-
abschluss eine Arbeitsstelle zu finden als bei Akademikern mit anderen
Abschlüssen. Auch die Gehälterspreizung ist moderat und unterscheidet
sich im Wesentlichen zwischen den Fachdisziplinen und weniger zwischen
den Studienabschlüssen.

Anders als Horst Hippler meint, haben die meisten Unternehmen keine
Vorbehalte gegen Bachelor-Ingenieure. Das heißt natürlich nicht, dass
für anspruchsvolle Forschungsaufgaben nicht auch weiterhin Ingenieure
gebraucht werden, die Forschungserfahrung gesammelt oder etwa in
Master- und Doktorarbeiten schon eigene Forschungsleistungen erbracht
haben. Natürlich muss es diese Menschen auch in Zukunft in ausreichender
Zahl geben. Aber die Forschungsorientierung der Dipl.-Ing.-Studiengänge
wird von den TU9 überbewertet. "Die Praxis braucht nicht in erster Linie
forschungsorientierte Universitäts-Ingenieure, sondern technische versierte
Problemlöser", weiß Konegen-Grenier. Dass Bachelor-Ingenieure laut der
Studie überdurchschnittlich häufig von forschungsstarken Unternehmen
eingestellt werden, ist ein interessantes Indiz für eine breite Akzeptanz
des neuen Abschlusses.

Herr Hippler, ich nehme Ihre Einladung zum Besuch Ihrer Universität
gerne an und lade Sie umgekehrt ein, mit mir Unternehmen zu besuchen
und Gespräche mit den Personalabteilungen zu führen.

Dr. Rene Krempkow schrieb am 2010-01-07 12:31:48

Vielleicht sollten sich Herr Prof. Hippler, aber auch der Autor des Artikels Herr Prof. Schlüter einmal genauer Absolventenstudienergebnisse zu ihren Thesen ansehen bzw. (soweit hierfür noch nicht aussagekräftig aufbereitet) speziell auswerten lassen. Dies könnte die Diskussion weiter versachlichen. (Vgl. beispielsweise HIS-Absolventenpanel: http://www.his.de/abt2/index22_html, INCHER-Kopperationsprojekt Absolventenstudien: http://www.uni-kassel.de/wz1/absolventen/files/projektbeschreibung_kurz_juli_2007.pdf, Dresdner Absolventenstudien: http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/ fakultaeten/fakultaet_maschinenwesen/interna/Absolventen_2003_Abschlussbericht.pd

Dr.-Ing. P. Inden schrieb am 2010-01-08 11:25:19

Sehr geehrter Herr Dr. Schlüter, mit Interesse habe ich die Ihren Artikel über die Ingenieurausbildung in der FAZ vom 23.12.09 gelesen und stimme Ihnen vollkommen zu. Doch möchte ich einen anderen Punkt erwähnen, der die Zahl der Ingenieurstudenten hemmt: das Image des Ingenieurs. Dies ist unter Jugendlichen überhaupt nicht "sexy", also attraktiv. Die Verbände und Medien haben es leider versäumt den Ingenieur in einem positiven Licht darzustellen. Eine Initiative von Thyssen vor einigen Jahren (ich bin stolz auf meinen Papa, da er große Brücken baut, etc.) war ein Schritt in die richtige Richtung. Wie sollen wir eigentlich die stets technischere Welt beherrschen, wenn wir alle Betriebswirtschaft, Juristerei und Soziologie studiert haben? Eine länger dauernde, professionelle Imagekampagne sollte doch von der Industrie zu finanzieren sein, oder. Mit den besten Weihnachtsgrüßen. Dr.Ing. P.Inden

Frank Stäudner schrieb am 2010-01-08 11:29:15

Neben der von P. Inden erwähnten ThyssenKrupp-Kampagne gab und gibt es eine ganze Reihe von Initiativen, die für den Ingenieurberuf werben. Man denke an „Think-Ing“, „Kein Ding ohne Ing“ oder „Komm, mach MINT“. Das sind sehr verdienstvolle Sachen. Wir vom Stifterverband meinen allerdings, dass die Wurzeln des Ingenieurmangels tiefer liegen. Marketing alleine wird deshalb nicht reichen. Man muss in Kindergarten und Schule anfangen, wo der Unterricht noch immer allzu oft das natürliche Interesse der Kinder und Jugendlichen an naturwissenschaftlichen Themen und Technik abtötet. Und die Hochschulen müssen weiter an der Studienreform und den Milieubedingungen arbeiten. Die können noch immer sehr abschreckend sein, zum Beispiel für Frauen. Vor über 20 Jahren durfte ich als Physikstudent in Karlsruhe Zeuge werden, wie die Maschinenbaustudenten in der gemeinsamen Vorlesung ihre wenigen Kommilitoninnen mit Johlen und Pfeifen begrüßt haben. So etwas passiert heute immer noch, wie ich unlängst von Studentinnen aus Aachen hörte.

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