Andreas Schlüter:
Stiftungen in der Wirtschaftskrise

Gastkommentar in der Fachzeitschrift "Vermögen & Steuern" (Juni 2009)

1. Wird sich die Finanz- und Wirtschaftskrise auch auf das Stiftungswesen auswirken?

Nachdem die Krise vom Finanzsektor ausgehend erst mit zeitlicher Verzögerung die Realwirtschaft erreicht hat, ist davon auszugehen, dass die Auswirkungen der Krise und der wirtschaftlichen Rezession auch den sog. Dritten Sektor und das Stiftungswesen erst in Zukunft richtig erreichen wird.

Wann dies genau sein wird, ist nicht genau vorhersagbar. Noch im Jahr 2008 hat sich das Stiftungswesen in Deutschland gut entwickelt: So wurden im vergangenen Jahr 1.020 Stiftungen (bürgerlichen Rechts) neu errichtet: ein Rückgang von nur zehn Prozent gegenüber dem Jahr 2007. Der seit vielen Jahrzehnten andauernde Stiftungsboom war also 2008 noch ungebrochen. Insgesamt gibt es in Deutschland zurzeit 16.400 Stiftungen.

Das Gesamtvermögen Deutscher Stiftungen aller Rechtsformen wird auf ca. 100 Mrd. Euro mit Ausgaben und Fördergeldern von 30 Mrd. Euro geschätzt. Stiftungen tragen also zu einem nicht unerheblichen Teil dazu bei, dass soziale, wissenschaftliche und kulturelle Institutionen ihre Aufgaben sinnvoll erfüllen können. Die hohe Förderquote von 30 Prozent liegt weit über den am Kapitalmarkt möglichen Renditen. Sie erklärt sich daraus, dass die Stiftungen einen Teil ihrer Projekte beispielsweise aus Spenden finanzieren. Das könnte in der aktuellen Krise ein Ausweg sein, wie wir noch sehen werden.

2. Welche Auswirkungen hat die Krise auf das Vermögen und die Förderleistung von Stiftungen?
Durch die Kursverluste an den Börsen sind auch die Privatvermögen geschrumpft. Zurzeit sind mehr als 80 Prozent aller Stifter im Stifterverband Privatpersonen. Wir gehen deshalb davon aus, dass nicht nur die Zahl der Neugründungen wie bereits nach den Börsenturbulenzen zu Beginn dieses Jahrtausends zurückgehen wird, sondern auch die Kapitalausstattung der Stiftungen sinken wird. Hinzu kommt, dass die Stiftungen derzeit an den Kapitalmärkten auch nicht mehr so hohe Erträge erwirtschaften können. Der Stifterverband verfolgt eine vorsichtige Anlagepolitik und wird seine Ausschüttungen an die Stiftungen reduzieren. Wir halten langfristig bei der von uns verfolgten Anlagepolitik einen durchschnittlichen Ertrag von vier Prozent für realistisch. Sollte sich eine Deflation entwickeln, sind aber auch diese Erträge sicher nicht zu halten. Allerdings erwarten wir mittelfristig eher wieder einen Anstieg der Inflation und der Kapitalmarktzinsen.

Insgesamt, also auf ganz Deutschland bezogen, erwarten Experten durch die niedrigeren Erträge einen Rückgang der Stiftungsausschüttungen von 10 bis 15 Prozent. Eine Reihe großer Stiftungen in Deutschland kommuniziert auch ganz offen, dass die Erträge in diesem Jahr deutlich sinken werden.

Allerdings gewährt das deutsche Stiftungsrecht durchaus Spielräume, um solche Phasen geringerer Erträge zu umschiffen: So dürfen Stiftungen auch Rücklagen bilden, um die Finanzierung ihrer Projekte, die oftmals über mehrere Jahre laufen, zu sichern. Viele Stiftungen haben davon Gebrauch gemacht und können noch von diesen Polstern zehren. Anpassungen an die veränderten Rahmenbedingungen werden aber unumgänglich sein.

Darüber hinaus beobachten wir bei manchen Stiftern die deutlich zunehmende Bereitschaft, die schrumpfenden Beträge für die Förderarbeit durch Zustiftungen gezielt aufzufangen, d.h. Stifter schießen aus ihren privaten Mitteln Geld zu, damit die Stiftung ihre bisherige Leistungsstärke erhalten kann. Im vergangenen Jahr lagen solche Zustiftungen bei den von uns betreuten Stiftungen um 30 Prozent höher als in den Vorjahren.

3. Internationale Entwicklungen
Amerikanische Stiftungen sind bei der Vermögensanlage wesentlich breiter diversifiziert als deutsche. Sie haben sehr hohe Anteile in Aktien, Hedgefonds oder Private Equity. Mit unangenehmen Konsequenzen, wie sich jetzt zeigt.

Die Stiftung der Harvard University beispielsweise hat seit Mitte vergangenen Jahres 22 Prozent ihres Vermögens eingebüßt. Insgesamt rechnet man dort bis Mitte 2009 mit einem Gesamtverlust von 30 Prozent. Hier müssen Milliardenverluste verkraftet werden. Die Folgen sind: Gehälter werden eingefroren, Stellen nicht neu besetzt, Baumaßnahmen werden gestoppt.

Die Mehrheit aller US-amerikanischen Stiftungen (67 Prozent) geht davon aus, dass sie ihre Fördertätigkeit in 2009 einschränken muss, so dass mit einem Rückgang im hohen einstelligen Bereich zu rechnen ist. Für 2010 könne sich dieser Trend weiter fortsetzen.

Die Erfahrung vergangener Rezessionsphasen zeigt allerdings, dass sinkende Stiftungsvermögen und -erträge in der Regel nicht zu nachhaltigen Belastungen des Stiftungssektors führen, sondern durch zahlreiche Neugründungen, Zustiftungen und Spenden ausgeglichen werden. Damit hat sich der Dritte Sektor in den USA bislang als weitgehend "rezessionssicher" gezeigt. Beispiel: In den Jahren des dotcom-Crashs (2000 bis 2002) ist der Nasdaq um 78 Prozent gefallen. Gleichzeitig hat sich das Spendenvolumen um 11 Prozent von 211 Mrd. auf 234 Mrd. USD erhöht.

Doch auch im europäischen Ausland sind die Folgen der Krise für Stiftungen deutlich spürbar. Im März 2009 hat die Charity Commission – eine Art Stiftungsaufsicht - Daten veröffentlicht, wonach das englische Stiftungswesen spürbar beeinträchtigt ist: 52 Prozent der befragten Einrichtungen erklären, dass sie Vermögenseinbußen hinnehmen mussten; weitere 25 Prozent erklären, dass diese sogar erheblich seien. Seit der letzten Erhebung im September 2008 haben sich diese Daten deutlich verschlechtert. 64 Prozent der Stiftungen sind bereits jetzt der Auffassung, dass dieser Rückgang ihre zukünftige Arbeit deutlich beeinträchtigen wird.

Bereits jetzt beginnt jede englische Stiftung durch Kostenreduktion, Fundraising und den Rückgriff auf Reserven damit, die Folgen abzumildern der Finanzkrise abzumildern.

4. Bewertung und Ausblick
Die hier skizzierten Entwicklungen im Stiftungswesen möchte ich folgendermaßen zusammenfassen:
Die Stiftungen leiden spürbar unter der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise, langfristig werden deutlich weniger Mittel für die Förderung von wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben zur Verfügung stehen. Auch wenn es vielen Stiftungen über die Rücklagen oder Zustiftungen gelingen kann, die Fördermittel kurzfristig hoch zu halten, so ist langfristig damit zu rechnen, dass sie weniger Projekte fördern können oder den finanziellen Umfang der Projekte verringern müssen.

Die Kursverluste an den Börsen haben die Börsenwerte in allen Regionen der Welt nahezu halbiert und die positive Entwicklung mehrerer Jahre zunichte gemacht. Stiftungen, die diese Entwicklung mit voller Aktiengewichtung mitgemacht haben, benötigen faktisch eine Kursverdoppelung, um die alten Niveaus zu erreichen. In der derzeitigen Krise wird es mehrere Jahre brauchen, bis neu gewonnenes Vertrauen sich auch wieder in deutlich höheren Aktienkursen zeigt.

Hinzu kommt: Stiftungen sind überwiegend in festverzinslichen Rentenpapieren angelegt. Auslaufende, hochverzinsliche Rentenpapiere müssen nun zum Teil durch neue Anleihen mit niedrigeren Zinsen abgelöst werden. Auch dies verengt den Handlungsspielraum von Stiftungen.

Doch es wäre falsch, nun in Panik zu verfallen. Da Stiftungen hierzulande durch das Stiftungsrecht auf den Erhalt ihres Kapitalstocks verpflichtet sind, gibt es nicht so dramatische Ausfälle wie in anderen Ländern. Zudem ist zu hoffen, dass sich in Deutschland die Zahl der Stiftungsgründungen trotz der Krise weiter steigen wird. Vielleicht gelingt es auf diese Weise sogar, durch ein Wachstum des Stiftungssektors mittelfristig die geringeren Mittel der einzelnen Stiftungen zu kompensieren.

Stiftungen sehen sich nun mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert. Zum einen müssen sie sich an die veränderten Rahmenbedingungen auf den Finanzmärkten anpassen, zum anderen stellt die Gesellschaft nun erhöhte Anforderungen an sie. Denn in Phasen der wirtschaftlichen Stagnation fahren Unternehmen ihr gesellschaftliches Engagement zurück. Vielen Institutionen brechen damit traditionelle Geldgeber und Sponsoren weg. Umso öfter sehen sich Stiftungen mit neuen Anfragen aus Kultur- oder Wissenschaftseinrichtungen konfrontiert. Eine zusätzliche Nachfrage, die der Stiftungssektor nicht befriedigen kann.

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