Frank Stäudner:
Anmerkungen zum Bildungsstreik

Eine Reform der Reform tut not. Fundamentalkritik ist verfehlt.


Beitrag für das Stifterverband-Magazin "Wirtschaft & Wissenschaft"
4/2009 (erscheint im Dezember)


Aktivisten halten die Hörsäle von drei Dutzend Hochschulen besetzt. Woran sich Bildungsminister und Wissenschaftsfunktionäre über Jahre vergeblich abmühen, macht eine Handvoll Studenten möglich: Der Bildungsnotstand schafft es in die TV-Hauptnachrichten. Dort darf eine Studentin mit treuherzigem Augenaufschlag bekennen, die Protestierer seien gegen Studiengebühren und die Anwesenheitspflicht in Seminaren.

Andernorts hört man: Das akademische Studium bedürfe der Freiheit. Mit der Bologna-Reform und den gestuften Studiengängen Bachelor und Master habe die "Verschulung" an den Hochschulen Einzug gehalten. Und im Übrigen sei Bildung für alle da, schallt es quer durch die Republik.

Die Forderungen klingen einfach, klar und schön. Oh wie gern wäre man wieder jung und reihte sich mit heißem Herzen in die Protestfront ein. Doch der revolutionäre Impuls geht vorbei. Dann beginnt das Grübeln. Wer sich mit den Forderungen der Studenten beschäftigt, wird deshalb vielleicht die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks konsultieren. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die deutschen Hochschulen sind eine elitäre Veranstaltung: Achtzig Prozent der Studenten stammen aus gutem Hause. Anders gesagt: Wenn das Studium nichts kostet, dann profitieren davon zuallererst die Söhne und Töchter der Mittel- und Oberschicht.

Die Hochschulen erhalten den weit überwiegenden Teil ihres Budgets aus Steuermitteln. Das aber heißt: Maurer, Klempner, Frisösen und türkische Gemüsehändler bezahlen für das Studium von Lehrer-, Beamten- und Unternehmerkindern. So lange es sich so verhält, ist nicht die Abschaffung von Studiengebühren sozial, sondern ihre Einführung. Deshalb ist es ein großes Rätsel, wieso sich die Bildungspolitiker von SPD, Grünen und der Gewerkschaft GEW mit den protestierenden Studenten solidarisieren, statt über eine Öffnung der Universität, eine "Uni für alle", nachzudenken.

Das Rätsel muss die Hörsaalbesetzer nicht weiter beunruhigen. Den Studenten sollte es allerdings verdächtig vorkommen, wenn ihnen das Establishment auf die Schulter klopft. Wissenschaftsminister und Hochschulrektoren bekunden Verständnis und Sympathie. Das ist Applaus von der falschen Seite. Denn eine Gruppe an der Hochschule hat vom Recht auf Faulheit im Bologna-Prozess weidlich Gebrauch gemacht – die Professoren. Vor zehn Jahren haben Europas Wissenschaftsminister einen Reformrahmen für die gestufte Studienstruktur aufgespannt. Ihn zu füllen, blieb den Hochschulen überlassen. Die Professoren hatten dabei alle Freiheiten. Sie haben die Reform spektakulär verbockt.

Statt Studiengänge von Grund auf neu zu gestalten, wurden die Studieninhalte gedankenlos in die neuen Formen gestopft. Statt die Idee der Universität neu zu interpretieren und im Studium eine Balance zwischen Freiraum und Führung zu finden, wurden die Prüfungs- und Kontrollprozesse zum Exzess getrieben. Dass es auch anders geht, zeigen Reformstudiengänge, die der Stifterverband gefördert hat. Deshalb: Eine Reform der Reform tut not. Fundamentalkritik ist verfehlt. Es wird höchste Zeit, dass sich Studenten und Professoren auf den Bologna-Prozess einlassen. Wer, wenn nicht die akademische Elite, könnte aus den eigenen Fehler lernen?

G. Alefeld schrieb am 2009-12-21 10:13:06

Könnten Sie mir bitte eine Liste der Reformstudiengänge einschliesslich Erläuterungen etc. zukommen lassen, die der Stifterverband gefördert hat. Insbesondere interessieren mich Materialien, aus denen hervorgeht, "dass es auch anders geht". Mit bestem Dank G. Alefeld Anschrift: Prof. Dr. G. Alefeld Institut für Angewandte Mathematik Universität Karlsruhe

Frank Stäudner schrieb am 2009-12-21 18:23:59

Der Stifterverband hat in seinem Aktionsprogramm ReformStudiengänge zwischen 2003 und 2006 die Umstellung der Studiengänge an vier Hochschulen begleitet und gefördert: Maschinenbau an der TU Darmstadt, Philosophie an der Universität Bayreuth, Biologie an der Uni Münster und Sozialwissenschaften an der Universität Düsseldorf. Am eindrücklichsten zeigt sich der Segen der Bologna-Reform in Bayreuth: Wo zuvor 90 Prozent das Studium abbrachen und ein überzähliges Semester an das nächste reihten, schaffen nun 80 Prozent der Studenten in der Regelstudienzeit den Abschluss. Dank der Kombination philosophischer mit wirtschaftswissenschaftlichen Studieninhalten gelingt auch der Berufseinstieg erstaunlich reibungslos. Eine Liste mit den Kontaktdaten der Studiengangsverantwortlichen geht per Mail nach Karlsruhe.

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