Detlef Fetchenhauer:
Wir sind nicht auf der Welt,
um glücklich zu sein

Die materiellen Lebensbedingungen der Menschen in den westlichen

Industrienationen haben sich in den letzten 50 Jahren dramatisch

verbessert. Und sie verbessern sich auch weiterhin. Diese Fortschritte

haben die Menschen nicht glücklicher gemacht. Warum?


Auszüge aus einem Vortrag anlässlich der Jahresversammlung des Landeskuratoriums Hamburg des Stifterverbandes am 24. September 2009


Mittlerweile liegt eine ganze Reihe von Untersuchungen vor, in denen weltweit in einer Vielzahl von Ländern die Menschen danach gefragt wurden, wie glücklich bzw. zufrieden mit ihrem Leben sie sind.

Die Ergebnisse dieser Studien sind ziemlich eindeutig. Wenn man sehr arme mit reichen Ländern vergleicht, dann zeigt sich, dass die Menschen in den reichen Ländern im Schnitt glücklicher sind als in den sehr armen Ländern. Menschen, die in Entwicklungsländern Hunger und Durst leiden, kein Dach über den Kopf haben und keine ärztliche Versorgung, sind mit ihrem Leben ziemlich unglücklich. Dieser Zusammenhang zwischen Wohlstand und Lebenszufriedenheit gilt jedoch nur beim Vergleich von sehr armen Ländern mit den westlichen Industrienationen.

Relevanter ist eine andere Tatsache. Hat ein Land einmal ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreicht, dann führt eine weitere Zunahme an materiellen Wohlstand in diesen Ländern nicht dazu, dass die Menschen dort glücklicher und zufriedener werden.

Wie aber ist dieses Paradox zu erklären? Diese Frage führt mich zu meiner These, die lautet: Der Mensch ist nicht gemacht, um glücklich zu sein.

1. Menschen gewöhnen sich sehr schnell an neue Situationen. Selbst wenn wir alles das hätten, wovon wir immer schon geträumt haben würde uns nach einer kurzen Zeit auffallen, was wir zusätzlich auch noch gerne hätten.

2. Es ist nicht so sehr der absolute Wohlstand, der über unsere Lebenszufriedenheit entscheidet, sondern vor allem unser relativer Wohlstand. Es geht uns nicht so sehr darum, ob wir viel oder wenig haben, sondern es geht uns vor allem darum, dass wir mehr haben als andere Menschen in unserer Umgebung.

3. Unser Leben ist dadurch gekennzeichnet, dass wir aus immer mehr Alternativen die für uns passende auswählen können. Ein Mehr an Alternativen macht uns jedoch nicht notwendigerweise auch glücklicher.

4. Unsere modernen Umwelten beinhalten eine ganze Reihe von Verlockungen, mit denen wir uns langfristig schaden, denen wir aber kurzfristig nicht widerstehen können.

5. Die Massenmedien vermitteln uns ein verzerrtes Bild der Realität. "Bad news are good news" – schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt es unter Journalisten. Auch wenn vieles objektiv besser wird – die Medien berichten vorzugsweise über Katastrophen und negative Ereignisse.

6. Menschen neigen ganz allgemein dazu, die Vergangenheit nostalgisch zu erklären. "Früher war alles besser" – so denken wir oft, auch wenn dies objektiv nicht so ist.

Etwas überspitzt ausgedrückt könnte man sagen: Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein, sondern wir sind auf der Welt, um uns Sorgen zu machen und niemals mit dem Erreichten zufrieden zu sein.

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