Walter Grünzweig:
Betäubung für das schlechte Gewissen
Die Erneuerung der Hochschulen wird nicht durch Akkreditierungs-
verfahren und Rankings gelingen. Hochschullehrer müssen die
Studenten als intellektuelle Partner ernst nehmen.
Ein sehr kurzer Auszug aus der Dankesrede, die der diesjährige
Ars-legendi-Preisträger am 10. Mai 2010 gehalten hat.
Gute Lehre wird im gegenwärtigen Wissenschaftssystem nicht belohnt.
Die Zeit, die wir uns nehmen für den Dialog, die Veranstaltungen des
Typus Forschendes Lernen, die interkulturellen und interdisziplinären
Seminare, macht uns ärmer.
Außergewöhnliche Anstrengungen in der Lehre laufen der Logik dieses
Systems zuwider. Wir erhalten unser Geld vor allem dafür, dass wir
möglichst viele Studierende möglichst schnell durch stromlinienförmige
Curricula in Designerstudiengängen führen, die durch Verlaufspläne
schon vorab auf ihre Gleitfähigkeit geprüft wurden. Und weil wir im
Grunde wissen, dass wir das tun, dass wir Qualität im eigentlichen Sinn
dadurch nicht mehr garantieren können, versuchen wir unser schlechtes
Gewissen durch Rankings, Akkreditierungsverfahren und Qualitäts-
managementsysteme zu erleichtern, die auch wieder nur Zahlen und
Formales erfassen können, aber nicht das, was doch eigentlich das
Wesentliche in der Lehre ausmachen sollte: die Studierenden enthu-
siastisch für ihr Fach zu machen. Ein Teufelskreis, denn die Zeit, die
wir für das "Management" aufwenden, fehlt uns dann noch zusätzlich
für einen substanziellen Unterricht.
Ich sehe nicht wirklich einen Vorteil darin, dass Studierende möglichst
schnell ihren Abschluss erhalten. Manches in der Wissenschaft, und
nicht nur in den Geisteswissenschaften, braucht Zeit, um intellektuell
zu reifen. Kreativität und Innovation entstehen nicht durch soft skills.
Ich kann die Fähigkeit, die fünfhundert Seiten von Herman Melvilles
Roman Moby Dick zu verstehen, nicht als Ergebnis eines Zeitaufwands
in Credit Points messen, seien es 30 oder 22,5 Stunden pro credit.
Auch die Relevanzprüfung dieser Lektüre wird nur schwierig zu
erbringen sein.
Unsere Studierenden wollen gefordert und herausgefordert werden.
Das ist eine Einsicht, die in der konfusen Diskussion um die Belastung
der Studierenden im letzten Herbst zu kurz gekommen ist. Letztlich
geht es darum, dass wir unsere Studierenden als intellektuelle
Partner/innen ernst nehmen.
Der Autor
Walter Grünzweigist Professor für
amerikanische
Literatur und
Kultur an der
TU Dortmund.
Der Stifterverband hat ihm den Ars legendi-Preis 2010 für exzellente Hochschullehre verliehen.