Arend Oetker:
Die offene Hochschule
und ihre Freunde
Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen Hochschule und Gesellschaft?
Was bringt eine engere Vernetzung zwischen diesen beiden Bereichen?
Auszug aus dem Skript der Carl-Duisberg-Vorlesung,
gehalten an der Universität Bonn am 5. Oktober 2010
Als Teil der Gesellschaft sind Hochschulen dem gesellschaftlichen Ganzen
verpflichtet. Die Hochschulen profitieren davon, wenn sie gesellschaftliche
Debatten auf die akademischen Diskurse innerhalb der Hochschulen beziehen.
Sie bereichern Forschung und Lehre, und wenn sie gesellschaftliche Akteure
als Dozenten oder Gäste in die Hochschule holen, dann erweitern sie ihr in-
tellektuelles Potential. Die Studierenden wiederum profitieren, wenn sie sich
aus dem Studium heraus sozial engagieren. Sie machen neue Lernerfahrungen
und bereichern ihre Persönlichkeitsentwicklung. Die Gesellschaft schließlich
erfährt einen Mehrwert dadurch, dass neue Quellen zur Problemlösung er-
schlossen werden, neues Wissen generiert und gesellschaftliche Fragestel-
lungen gelöst werden. Aber auch das gegenseitige Verständnis zwischen
Gesellschaft und Hochschule kann durch gemeinsame Aktionen und Inter-
aktionen nur gestärkt werden.
Es bleibt natürlich die Frage nach der Art und Weise der Zusammenarbeit.
Wie kann und soll all das erreicht werden? Dazu gibt es unterschiedliche
Herangehensweisen, wie die Studie "Mission Gesellschaft" beim Blick ins
Ausland aufzeigt. Entscheidend ist bei der Diskussion der Möglichkeiten,
dass wir unterscheiden zwischen dem, was das Wissenschaftssystem ins-
gesamt erreichen kann und soll und dem, was die einzelne Hochschule
dazu beiträgt.
Zunächst einmal beschreibt die Gesellschaft, wo sie der Schuh drückt.
Entsprechende Stimmen werden die zuständigen Politiker früher oder
später aufgreifen. Es wird gefragt: leistet das steuerfinanzierte System
eigentlich das, was es soll? Hilft es uns bei unseren Problemen? In die
gleiche Richtung fragen natürlich auch die anderen Stakeholder der Hoch-
schulen. Auf diese Fragen müssen Hochschulen antworten. Sie können
das alleine tun, indem Sie selbst versuchen, möglichst viele Aufgaben zu
übernehmen. Sie können dies natürlich auch konzertiert tun, in dem sie
sich absprechen, wer in welchem Maße welche Aufgabe erfüllt, damit
das Gesamtergebnis stimmt.
Letzteres wird meiner Auffassung nach zu wenig gemacht. Wenn jedoch
der Eindruck entstünde, dass die vergangenen Jahre der Deregulierung der
Hochschulen vor allem dazu geführt hätten, dass sich alle – und eben nicht
nur die exzellenten Forschungsunis – noch stärker als bisher lediglich der
Forschung zuwendeten, werden die Rufe lauter werden, die Freiheit der
Hochschulen wieder einzugrenzen.
In jedem Fall ist es die strategische Aufgabe der Hochschulleitung zu über-
legen, welche eigenen Stärken zur Lösung der gesellschaftlichen Herausfor-
derung mobilisiert werden können. Wir müssen also über beides sprechen:
die Differenzierung zwischen den Hochschulen (innerhalb des Systems) und
die Differenzierung innerhalb der Hochschulen, um verschiedenen Ansprü-
chen gerecht zu werden.
Es gibt einige Beispiele, wie Hochschulen gesellschaftlich wirken können.
So können zum Beispiel durch den Transfer akademischen Wissens die
realen Arbeits- und Lebensbedingungen im unmittelbaren Umfeld der Hoch-
schule verbessert werden. Das fördert den sozialen Wandel. Hier sind be-
sonders jene Hochschulen gefordert, die an den neuen Brennpunkten der
gesellschaftlichen Entwicklung ihren Sitz haben. Man denke an die FH
Gelsenkirchen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, junge Menschen mit
ausländischen Wurzeln und aus bildungsfernen Familien zu akademischer
Bildung zu führen.
Ähnliches gilt für praktisch alle ostdeutschen Hochschulen, aus denen öko-
nomische Impulse für den Aufschwung der neuen Bundesländer kommen
können. Oder die noch immer eine Menge für das Zusammenwachsen
beider Teile Deutschlands und den Abbau von Vorurteilen tun können,
indem sie um Studenten aus Westdeutschland werben. Mit der Kam-
pagne "Studieren in Fernost" gibt es dazu sogar eine länderübergrei-
fende Initiative.
Andere Beispiele sind Studierende, die sich in sozialen Projekten wie Ju-
gendarbeit, Seniorenhilfe oder Park- und Grünlagenreinigung engagieren
– ein Community Service, wie er bereits in den USA etabliert ist – und in
Deutschland erste Nachahmer findet. So wurde 2005 an der Universität
Duisburg-Essen das Projekt UNIAKTIV ins Leben gerufen, das sich zum
Ziel gesetzt hat, bürgerschaftliches Engagement unter den Studierenden
der Hochschule zu fördern und in die universitäre Lehre zu integrieren.
Bei der Freiwilligenarbeit in sozialen Einrichtungen wie Altenheimen oder
Obdachlosenasylen oder bei ökologischen Projekten in den Stadtteilen
erwerben die Studenten somit wichtige Schlüsselkompetenzen und
lernen darüber hinaus "fremde" Lebenswelten kennen.
Ein weiteres Beispiel wäre die Entwicklung dessen, was man neuerdings
Social Entrepreneurship nennt. Damit ist gemeint, dass sich Studierende,
Wissenschaftler und Wirtschaftsführer im Hochschulbereich gemeinsam
sozialen Fragen widmen.
In diesem Zusammenhang bin ich auf die Initiative EUniCult gestoßen.
Ein EU-weites Projekt zur Vermittlung kultureller Kompetenzen, an dem
sich auch die Universität Bonn – zusammen mit der Guardini-Stiftung –
beteiligt. Der Ausbau und die Pflege dieses Netzwerkes zur Persönlich-
keitsbildung ist, denke ich, ein wichtiger Schritt in Richtung einer neuen
Verknüpfung von Wissenschaft und Alltag. Das alles sind Beispiele dafür,
wie Hochschulen durch soziales Engagement die Gesellschaft bereichern
und zugleich ihren eigenen wissenschaftlichen Aufgaben Impulse verleihen.
Der Autor
Dr. Arend Oetkerist Unternehmer
und Präsident des
Stifterverbandes
für die Deutsche
Wissenschaft.
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