Michael Sonnabend:
Wem die Stunde schlägt
Soziale Netzwerke verändern die Resonanzmuster der
Gesellschaft grundlegend.
Auszug aus einem Essay für das Stifterverband-Magazin
"Wirtschaft & Wissenschaft" 4/2010
Man müsste sich den Bauch halten vor Lachen, wenn es nicht im Grunde
so traurig wäre. Jemand müsste mal in Ruhe mit diesen rheinischen Rentnern
sprechen und ihnen erklären, was sie da getan haben. Als Kämpfer gegen
Google Street View wollten sie auftreten, diese ehrlich empörten Bürger aus
Düsseldorf. Wollten der Welt deutlich machen, dass sie das nicht einfach so
hinnehmen, dass ein amerikanisches Großunternehmen so einfach ihre Häuser
fotografiert und weltweit im Internet zugänglich macht. Wehren wollten sie
sich gegen dieses vermeintliche Unrecht und diktierten das auch gleich der
Journalistin der Rheinischen Post in die Feder. Und: Ließen sich fotografieren.
Auf der Straße. Vor ihren Häusern. In der Online-Ausgabe der RP konnte
man sie dann bewundern, mit vollem Namen abgebildet. 30.000 Klicks habe
der Beitrag an einem Tag gehabt, meldete die RP stolz.
Proteste im Jahr des "Wutbürgers": ein Stück aus dem Tollhaus. Während sich
der deutsche Kleinbürger um die Privatsphäre seines Vorgartens sorgt,
Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner mit dem Austritt aus Facebook droht,
und die deutschen Holzmedien in ihrer ganzen Arroganz noch ordentlich Öl in
die Flammen gießen, geht im Web alles seinen sozialen Gang. Der Aufstieg
der sozialen Netzwerke ist unaufhaltsam. Über 500 Millionen Menschen nutzen
weltweit Facebook. Als eine Nation wäre Facebook die drittgrößte der Erde.
Eine deutsche Ministerin mehr oder weniger fällt da nicht so sehr ins Gewicht.
Auch in Deutschland steigt die Zahl der Facebook-Nutzer von 5,7 Millionen im
Januar 2010 auf 11 Millionen im September.
Buchstäblich alle Welt nutzt ausgiebig die neuen Möglichkeiten der Vernetzung.
Auf der Berliner Blogger-Konferenz re:publica im April 2010 stellte der US-
amerikanische Medienstar Jeff Jarvis lapidar fest: "Das Internet ist kein Me-
dium, sondern der Ort an dem die Menschen sich austauschen." In aller
Regel geschieht dieser Austausch auf eine hochdemokratische Weise, es
wird ein respektvoller Umgangston gepflegt, wenn es nicht gerade um kon-
kurrierende Fussballvereine geht. Die Art und Weise, wie sich Social-Media-
Nutzer untereinander austauschen, hat auch weitreichende Auswirkungen auf
herkömmliche Informationsstrukturen: Die Frage, was an einem Tag wichtig
ist, beantwortet immer seltener die Tagesschau und dafür immer öfter, weil
passgenauer, die individuelle Timeline. Soziale Netzwerke zeichnen sich
durch eine ausgeprägte Empfehlungskultur aus: Was der Facebook-Freund
oder der Twitter-Follower für wichtig und gut halten, ist im Zweifel viel
wertvoller als die Auswahl an Wichtigem, die nach wie vor in den Redakt-
ionen getroffen wird. Es sind nicht mehr die traditionellen opinion leader,
die die Themen setzen. Stattdessen sind es die Netzwerke, die die Themen
immer stärker aufbringen und beeinflussen. Die Resonanzmuster der Ge-
sellschaft verändern sich grundlegend. In den immer dichter werdenden
Netzen können machtvolle Massenbewegungen entstehen, die kommuni-
kativ nicht zu beeinflussen sind.
Die alten Modelle der Erzeugung von Aufmerksamkeit greifen nicht mehr.
Die viralen Mechanismen der Netzwerke mit der Möglichkeit, sich spontan
an Botschaften oder Hypes zu beteiligen, sie einfach weiterzuverbreiten
und damit vielfach zu verstärken, ist dem herkömmlichen Modell von
Sender und Empfänger deutlich überlegen. Gegen die machtvolle Welle
einer Botschaft im Web ist selbst eine mit hohem finanziellen Aufwand
gepushte Anzeigenkampagne ein mehr als stumpfes Schwert. Entschei-
dend ist nicht die Penetranz, mit der eine Botschaft vorgetragen wird,
nicht ihre professionelle Aufbereitung, sondern einzig und allein, ob sie
in der Lage ist, den Nerv des Netzes zu treffen. Nur so ist es zu erklären,
dass ein kurzes Video des Musikers David Caroll über seine negativen
Erfahrungen mit der Fluggesellschaft Unites Airlines knapp 10 Millionen
Mal abgerufen wird und das kundenunfreundliche Verhalten der Airline
nicht nur der feixenden Netzgemeinde bekannt wird, sondern in der
Folge auch den staunenden TV-Zuschauern von CNN und CBS.
Mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke "verlagert sich die Macht von
den Anbietern auf die Nachfrager", wie es der Bremer Systemtheoretiker
Peter Kruse zusammenfasst. Denn Botschaften, so Kruse, würden nicht
mehr passiv empfangen, sondern aktiv ausgewählt. "Bewusst gegebene
Anerkennung und Interesse" sei die Währung in den sozialen Netzwerken.
Diese Entwicklungen sagen noch nichts über die Qualität der Botschaften
im Web oder über ihre gesellschaftliche Wirkung aus. Aber sie zeigen,
dass sich die Kommunikation in der Gesellschaft grundlegend neu gestal-
tet. Die Folgen dieser Neugestaltung sind an allen Ecken gesellschaftlicher
Diskurse zu besichtigen. An der Oberfläche zeigen sie sich einerseits im
eifersüchtigen Gezänk herkömmlicher Medien untereinander und anderer-
seits in ihrer Auseinandersetzung mit digitalen Mediendiensten. Da müs-
sen die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten gegen den Widerstand von
Print-Verlegern eine Tagesschau-App für Smartphones durchsetzen, zu-
gleich auf Druck des Gesetzgebers wertvolle, mit hohem Gebührenauf-
wand produzierte und im Web zugänglich gemachte Inhalte depublizieren,
da beklagen sich deutsche Verlagshäuser über die ungefragte Verbreitung
ihrer kostenlos und allgemein zugänglichen Web-Inhalte durch News-
Aggregatoren wie Google-News und fordern deutlich ausgeweitete
"Schutzrechte" für ihre Leistungen.
All diese Auswüchse zeigen jedoch nur, wie sehr die alten Medienwelten
in Bedrängnis geraten sind und wie wenig es ihnen gelingt, sich auf die
neuen Konstellationen einzustellen. Und die ökonomischen Auswirkungen
dieser Entwicklungen führen schnurstracks in eine Qualitätskrise. Es ist
erstaunlich: Je mehr Redaktionen ausgedünnt, zusammengelegt oder
gleich ganz geschlossen werden, desto inniger beschwören Verleger
das hohe Gut des Qualitätsjournalismus, das es zu verteidigen gelte.
Nicht nur gegen die Milliarden scheffelnden digitalen Weltmächte wie
Google oder Apple, die kurzerhand zu Schmarotzern erklärt werden,
sondern gleichzeitig auch gegen die Blogosphäre mit ihren angeblich
oberflächlichen Wichtigtuern und selbsternannten Bürgerjournalisten.
Aus ökonomischer Sicht ist das harsche Verhalten der alten Medien
verständlich. Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, schlägt man
unkontrolliert um sich. Nur helfen wird es leider nicht. Denn natürlich
ist es ein Anachronismus, die digital residents zu einem Haufen von
Besserwissern und Spinnern zu reduzieren. Immer mehr werden die
sozialen Netzwerke, was die Altersverteilung angeht, zu einem Spie-
gelbild der Gesellschaft. Zu den anfänglich noch tonangebenden puber-
tären Online-Gamern und ähnlich gepolten Nerds und Fricklern haben
sich längst Studienräte, Mode-Desigerinnen und Dachdecker gesellt.
Seit Neuestem entdecken Silver Surfer die Netzwerke und somit die
Segnungen von Mobilität, die ihnen im Leben altersbedingt immer
mehr abhanden kommt. Das Netz als Online-Rollator.
Als virtuelle Gehhilfe mag das social web auch jenen dienen, die sich
von den politischen Institutionen nicht mehr hinreichend vertreten
fühlen. In den Netzwerken zeigt sich, dass es weniger eine Politik-
verdrossenheit gibt, als vielmehr eine Politiker- und Parteienverdros-
senheit. Es sind die verknöcherten Strukturen in den etablierten Par-
teien, das kompromissunfähige und unpragmatische Lagerdenken,
das die Bürger in die Flucht schlägt und nach Alternativen suchen
lässt.
Denn die Deutschen im Jahre 2010 sind keineswegs unpolitische
Simpel, die auf Twitter den ganzen Tag lang ihre belanglosen Be-
findlichkeiten kundtun. Im Gegenteil: Anders sind die Proteste um
das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 nicht zu erklären. Anders ist nicht
zu erklären, dass Schulreformen wie die in Hamburg durch Bürger-
entscheide abgeschmettert werden, dass der Widerstand gegen die
Bologna-Reformen an den Hochschulen über viele Jahre hinweg ge-
führt wird, dass sich Tausende für eine Online-Petition zum freien
Zugang ("Open Access") zu wissenschaftlichen Werken stark machen,
dass über Wochen hinweg diskutiert wird, wer der beste Bundes-
präsident ist und wie er zu wählen sei, dass das halbe Land die
großzügigen Steuergeschenke an Hoteliers mit den fünf Euro auf-
rechnet, die Hartz-IV-Empfänger künftig zusätzlich erhalten sollen.
Nein, die Deutschen sind keineswegs politikverdrossen. Das Web
bietet die Möglichkeit, den eigenen Meinungen Ausdruck zu verleihen.
Denn dazu braucht es keine Ortsgruppensitzung mehr und hat zudem
den Vorteil, noch viele andere Menschen zu erreichen und mit ihnen
diskutieren zu können.
Der Autor
Michael Sonnabend
ist Leiter Öffent-
lichkeitsarbeit und
Online-Medien im
Stifterverband.