Frank Stäudner:
Rezepte gegen den Fachkräftemangel
Deutschlands fehlende Fachkräfte sind längst da: als Studienabbrecher
und Zuwanderer, deren Abschlüsse nicht anerkannt werden.
Beitrag für "Meinung & Debatte", 5. August 2010
142 – das ist die Zahl der Woche. So viele, oder vielmehr so wenige hoch-
qualifizierte Zuwanderer erhielten im Jahr 2009 eine unbefristete Aufenthalts-
erlaubnis in Deutschland. Bedingung dafür war ein Jahreseinkommen von
mindestens 63.300 Euro. Wer die Schwelle für absurd hoch hält, liegt sicher
nicht ganz falsch. Zum Vergleich: Der Durchschnittsdeutsche verdiente
31.000 Euro brutto im Jahr 2009, ein Fachhochschulprofessor kommt auf
45.000 Euro. Jetzt rufen Unternehmen und Verbände danach, die Zuwan-
derung weiter zu erleichtern. Damit soll der Fachkräftemangel gelindert
werden. Rund 65.000 Stellen für Ingenieure, Computerfachleute und
Naturwissenschaftler seien unbesetzt, heißt es.
Es kann sicher nicht schaden, aus dem Zuwanderungsverhinderungsgesetz
endlich ein Zuwanderungsgesetz zu machen. Zwei andere Wege im Kampf
gegen die Fachkräftelücke wären aber weitaus vielversprechender.
Da sind zum einen die hohen Studienabbruchquoten in den Ingenieur- und
Naturwissenschaften. Sie liegen zwischen 30 und 40 Prozent eines Jahrgangs,
an einzelnen Fachbereichen sogar noch darüber. Gelänge es, die Abbrecher-
quoten zu halbieren – durch bessere Studienbedingungen, eine erstklassige
Lehre und gut durchdachte Studieninhalte, dann ließe sich die Absolventen-
zahl allein bei den Ingenieuren auf einen Schlag um rund 8.000 Köpfe pro
Jahr steigern.
Das zweite ungenutzte Potenzial sind die vielen Hochqualifizierten, die längst
im Lande sind. Ärzte aus Osteuropa und Techniker aus Asien fristen ein
Dasein als Niedriglöhner oder Sozialhilfeempfänger, weil weder ihre im
Ausland erworbenen Abschlüsse noch langjährige Berufspraxis anerkannt
werden. Das betrifft zehntausende Einwanderer, Flüchtlinge und Asylbe-
werber. Es ist an der Zeit, dass sich Deutschland endlich von seiner frem-
denfreundlichen Seite zeigt. Es wäre zum eigenen Vorteil.
Der Autor
Dr. FrankStäudner
Stifterverband für
die Deutsche
Wissenschaft
Frank Stäudner schrieb am 2010-08-09 17:11:31
Der Bundesinnenminister haute heute (9.8.2010) in die selbe Kerbe: "Wenn ich mir die hohe Zahl der Schulabbrecher und die geringe Zahl der Hochschulabsolventen unter den Migranten ansehe, dann sage ich, wir sollten uns erst einmal um die kümmern, die bereits da sind", sagte Thomas de Maiziere in einem Interview des Weser-Kuriers und der Ostsee-Zeitung. Man bekommt allerdings den Eindruck, der Minister wolle den Schwarzen Peter den Unternehmen zuschieben. Darauf sollte niemand hereinfallen. Denn auch die Behörden haben Einiges zu tun. Ausländische Gastwissenschaftler oder Geschäftsreisende aus Afrika wissen von zutiefst demütigenden Erlebnissen mit deutschen Ausländerbehörden zu berichten. Offenbar sehen etliche deutsche Beamte in den ausländischen Gästen noch immer zuallererst potenzielle Sozialschmarotzer. Hier einen Gesinnungswandel herbeizuführen, wäre eine vornehme Aufgabe für den Bundesinnenminister und seine Länderkollegen.
Bernd Kreuels schrieb am 2010-08-18 13:20:41
Regelmäßig weisen die Arbeitsmarkt-Statistiken über die genannten Potenziale hinaus noch einen dritten ungenutzten Arbeitskräfte-Pool aus, nämlich den der un- und unterbeschäftigten (Hoch-)Qualifizierten, die hier geboren sind (Deutsche und Migrantenkinder nachfolgender Generationen) und u.U. nur in geringem Umfang nachgeschult werden müssten.