Frank Stäudner:
Den Gegnern der Studienbeiträge gehen die Argumente aus
Im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf läuft die heiße Phase.
Ein wichtiges Thema: die Studiengebühren.
Die SPD plakatiert: "Freude auf ein NRW ohne Studiengebühren". Die FDP hält
mit "Aufstieg durch Bildung" dagegen. Die SPD kontert mit ihrem "Einsatz für
bessere Bildung für alle". Inhaltlich bedeckt hält sich die CDU und setzt voll auf
ihren Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers ("Kompetenz entscheidet"). Die Wahl-
kampfparolen bleiben vage, nur in dem Aufregerthema Studiengebühren sehen
die Wahlkampfmanager der Sozialdemokraten offenbar eine Chancen, sich vom
politischen Gegner abzugrenzen und die eigenen Anhänger zu mobilisieren.
Kann das gut gehen? Kann schon sein. Sollte es gut gehen? Auf keinen Fall.
Studierende mit niedriger sozialer Herkunft stellen 12 Prozent der Hochschul-
absolventen, aber 16 Prozent der Studienabbrecher. Studierende mit hoher
sozialer Herkunft stellen 37 Prozent der Hochschulabsolventen, aber nur
31 Prozent der Studienabbrecher. Das sind Ergebnisse der HIS-Studienab-
bruchstudie 2002. Seither hat sich an den Hochschulen eine Menge getan,
unter anderem wurden in sieben von 16 Bundesländern Studiengebühren
eingeführt (und in Hessen schon wieder abgeschafft). An zwei grundlegen-
den Befunden der Studie von 2002 hat sich aber wenig geändert:
1) Studenten aus gutem Hause sind an den deutschen Hochschulen weit
in der Überzahl;
2) Studenten aus bildungsfernen Elternhäusern tun sich im Studium schwerer
als Akademikerkinder und brechen ihr Studium häufiger ab.
Beides zusammengenommen kann man als klaren Appell für Studienbeiträge
lesen. Denn so lange ein Studium nichts kostet, findet eine Umverteilung von
unten nach oben statt. Metzgermeister und Kindergärtnerinnen bezahlen mit
ihren Steuern das Studium der Anwalts-Beamten- und Ärztekinder. Deshalb
ist nicht die Abschaffung von Studienbeiträgen sozial gerecht, sondern ihre
Einführung. Oder anders formuliert: Die SPD in NRW verteidigt mit ihrem Ruf
nach Bildungsgerechtigkeit die Privilegien der Mittel- und Oberschicht.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt: Jüngste Umfragen und Studien zeigen, dass
sich in Ländern mit Studienbeiträgen die Studienbedingungen spürbar verbes-
sert haben. Mehr Tutorien, bessere Ausstattung, bessere Betreuungsrelationen
– davon profitieren gerade jene Studentinnen und Studenten am meisten, die
sich bisher im anonymen Massenbetrieb einer Universität schwer taten. Anders
gesagt: Studienbeiträge sind die beste Medizin gegen Studienabbruch.
Der Autor
Dr. FrankStäudner
Stifterverband für
die Deutsche
Wissenschaft
Frank Navasky schrieb am 2010-05-05 08:46:51
Beide Argumentationslinien scheinen mir nicht schlüssig: 1. Es wird behauptet, Studiengebühren seien sozial gerecht, denn sonst finde eine Umverteilung von unten nach oben statt. Aber: Trotz Studiengebühren werden doch im selben Umfang wie bisher Steuermittel für die Finanzierung der Universitäten eingesetzt (das ist auch die zentrale Aussage von Annahme 2 unten, dass die Studienbeiträge zusätzlich fließen), also Metzgermeister und Kindergärtnerinnen zahlen weiterhin das Studium für Ärztekinder - nur mit dem Unterschied, dass ihre eigenen Kinder nun noch zusätzliche Beiträge zahlen müssen, die - weil die Höhe der Studienbeiträge einkommensunabhängig sind - für sie eine wesentlich größere finanzielle Belastung darstellen als für Ärzteeltern. Fixe Studiengebühren führen also dazu, dass bezogen auf das individuelle Einkommen eine Arbeiterfamilie prozentual mehr für ein Studium des Kindes aufwenden muss als eine Ärztefamilie für ihr Kind. Die vom Autor gemachte Annahme wäre im Übrigen auf der Systemebene nur schlüssig, wenn die Universitäten sich ausschließlich durch Studiengebühren und nicht durch Steuermittel finanzieren würden. Das dies jedoch kein sinnvolles Finanzierungsmodell ist, darüber sollte Einigkeit bestehen (die Steuerfinanzierung hat eine ähnliche Funktion, wie wir sie aus der gesetzlichen Krankenversicherung kennen: risk sharing). Stattdessen kann man hieraus etwas vollkommen anderes ableiten: Da auch die unteren sozialen Schichten mit ihren Steuern das Hochschulsystem mitfinanzieren, muss alles getan werden, dass ihnen dieselben Zugangsmöglichkeiten gewährt werden (wobei aus auch noch viele andere, und zwar wichtigere Argumente als dies der Finanzierungsbeteiligung gibt, warum ein Staat möglichst gute Bildungschancen anbieten sollte). Und Zugangsgerechtigkeit kann nicht einfach heißen, dass für alle Studienanfänger dieselben formalen Zulassungskriterien gelten. Die OECD macht z.B. in ihren empirischen Vergleichsuntersuchungen seit vielen Jahren darauf aufmerksam, dass das „einzigartige“ deutsche dreigliedrige Schulsystem in einem wesentlich höheren Maße hemmend bezogen auf die Bildungschancen für Kinder aus den unteren sozialen Schichten wirkt als ausländische Gesamtschulmodelle. Es gibt auch noch viele andere gesellschaftliche Faktoren, die man in diesem Zusammenhang nennen könnte. 2. Es stimmt, mit dem Einsatz der zusätzlichen Mittel aus Studiengebühren wurden die Studienbedingungen an Universitäten spürbar verbessert. Das zeigt jedoch nur, wie stark unterfinanziert die deutschen Universitäten bislang waren, es ist selbst keine schlüssige Begründung für Studiengebühren. Denn kämen die Mittel aus anderen Quellen (Steuern, Spenden o.a.), würden sie dieselben positive Effekte zeigen. Also daraus, dass die deutschen Universitäten mehr Mittel sinnvoll einsetzen, kann nicht automatisch gefolgert werden, dass diese Mittel aus einer bestimmten Quelle stammen müssen. Hierfür bedarf es anderer Begründungen. Und diese sehe ich nicht.
Frank Stäudner schrieb am 2010-05-06 11:37:27
Frank Navasky hat Recht: Daraus, dass mehr Geld für die Hochschulen die Studienbedingungen verbessert hat, folgt nicht, dass dieses Geld aus Studienbeiträgen stammen müsse. Die Gründe kann ich aber nachliefern. Hier sind zwei Argumente dafür, die Studenten zur Kasse zu bitten: 1) Studienbeiträge führen zu einem partnerschaftlichen Miteinander von Hochschulleitung, Professoren auf der einen und den Studenten auf der anderen Seite. Sie stärken den Status der Studenten, die neuerdings aktiv über den Mitteleinsatz mitbestimmen dürfen. Das ist neu, und das ließ sich nur durch Studienbeiträge bewirken. 2) Studienbeiträge stärken die Eigenmotivation der Studenten; wenn das Studium sichtbar etwas kostet, erhöht das auch den symbolischen Wert des erworbenen Wissens. Wieso die Tatsache, dass arme Familien einen höheren Anteil des Familienenkommens für ein Studium aufwenden müssen als reiche, eine Umverteilung von unten nach oben ist, begreife ich nicht. Schließlich kostet auch die Butter im Supermarktregal für den Millionär und den Müllmann dasselbe. Für den Sozialausgleich müssen andere Mittel gefunden werden. Der Forderung nach optimalem Bildungszugang für die unteren Schichten stimme ich indessen von Herzen zu.
Frank Martini schrieb am 2010-05-10 11:59:46
Ich kann die Argumente beider Seiten nachvollziehen, sowohl Herrn Navaskys Einwände, als auch Dr. Stäudners Replik - natürlich mag die blidungspolitisch postulierte Chancengleichheit nicht primär auf einen Sozialausgleich gerichtet sein, sondern schlicht auf die Einsicht, dass höhere Bildung keine Frage sozialer Herkunft, sondern intelektueller Voraussetzungen oder anderer 'außerökonomischer' Faktoren sein sollte. Ob man sich in den Laboren aller Fakultäten der Gegenwart, oder unter den namhaften Persönlichkeiten in der Wissenschaftsgeschichte umsieht - die primäre Triebfeder, der 'kleinste gemeinsame Nenner', der zu wissenschaftlichem Fortschritt geführt hat und führt, ist doch nicht in erster Linie von ökonomischen Überlegungen gekennzeichnet. War es nicht zu erheblicheren Teilen die 'Versessenheit' auf ein bestimmtes Fachgebiet, die Passion, etwas herausbekommen, lösen, verbessern zu wollen, die die Motive der in der Forschung Aktiven stets gekennzeichnet hat? Wenn aber nur einigermaßen zutrifft, dass erst dieses ökonomische unbelastet sein die Energie bei den Beteiligten freisetzt, die für wissenschaftlichen Fortschritt unabdingbar ist, sehe ich in der ökonomischen Fokussierung der Bildungsdiskussion eine bedenkliche Verengung. International verglichen lässt sich ein relativ geringer Anteil von Abiturientenjahrgängen, die studieren in Deutschland beklagen. Hier hängen uns andere, kleinere europäische Länder teils deutlich ab. Und zwar nicht nur in den Staaten, in denen das Studium kostet, sondern auch in solchen mit freiem Hochschulzugang. Weist das nicht weit über den Dreh- und Angelpunkt ökonomischer Fixierung hinaus? Und ist nicht bspw. das Engagement der Wirtschaft im hier im Stifterverband ein Beleg dafür, dass die Finanzierung der Bildung durch öffentliche Mittel - Sitchwort Unterfinanzierung der (Schulen und!) Hochschulen - in einem derart starken Land wie unserem zu gering ist? Ich denke, hier gehört der ökonomische Schwerpunkt der Diskussion hin.
Martin Osiewski schrieb am 2010-05-10 12:18:39
Der Ausgang der Wahl in NRW - bei der die Bildungspolitik auf Landesebene ein wichtiges Thema war - zeigt, dass Studiengebühren der breiten Bevölkerung nicht zu vermitteln sind, ebensowenig wie der Ansatz, sich für Bildung verschulden zu müssen, wenn man es ohnehin nicht so dicke hat. Auch das Bunkern der Gebührengelder in Stiftungen, von denen eventuell spätere Studentengenerationen, aber nicht die jetzige, etwas hat, macht die Campusmaut nicht gerade zu einer Erfolgsgeschichte für die, die dafür bluten müssen.