Gerd Gigerenzer:
Risikokompetenz
Das 21. Jahrhundert braucht mündige Bürger, die entspannt und
informiert mit Risiken umgehen können.
5. Juli 2011
Die Vulkanasche, die Finanzkrise, die Schweinegrippe, EHEC – jede neue
Krise macht uns Angst, bis wir sie vergessen haben und durch die nächste
verunsichert werden. Wenn etwas schief geht, dann fordern wir bessere
Gesetze, bessere Bürokratie und bessere Technologien. Wie können wir uns
vor Terrorismus schützen? Nackt-Scanner, Homeland Security, Gesetze zur
Einschränkung unserer individuellen Freiheit. Was können wir gegen die
explodierenden Kosten im Gesundheitswesen machen? Beiträge erhöhen,
Leistungen begrenzen, effektivere Medikamente entwickeln. Ein Ziel steht
nicht auf diesen Listen: Bürger, die mit Risiken kompetenter umgehen können.
Nach dem 11. September 2001 sind viele Amerikaner aus Angst nicht mehr
geflogen und ins Auto umgestiegen. Zwölf Monate lang sind die gefahrenen
Meilen auf Autobahnen um bis zu fünf Prozent gestiegen. In dieser Zeit haben
etwa 1.500 Amerikaner deshalb ihr Leben auf der Straße verloren, weil sie
das Risiko des Fliegens vermeiden wollten. Das sind mehr als all jene zu-
sammen, die in den vier Flugzeugen auf tragische Weise ums Leben kamen.
Terroristen schlagen zweimal zu: Erst mit Gewalt und dann mit Hilfe unserer
Ängste. Der Zweitschlag wäre vermeidbar, wenn wir unsere Bürger aufklä-
ren und kompetent machen würden.
Im Kampf gegen Krebs werden Milliarden für die Erforschung von Medika-
menten ausgegeben. Diese verlängern das Leben meist um ein paar Wochen
oder Monate, beeinträchtigen aber die Lebensqualität stark. Nun sind aber
etwa zwei Drittel aller Krebsarten verhaltensbedingt – Rauchen, zuviel Alkohol,
ungesunde Ernährung. Relativ wenig wird investiert, um die nächste Genera-
tion kompetent im Umgang mit ihrer Gesundheit zu machen. Ich gehe jede
Wette ein, dass man mit einer spielerischen Kompetenzentwicklung bei
Kindern vor der Pubertät (später werden sie zu abhängig von anderen) mehr
Leben vor Krebs retten kann, als wenn man die gleiche Summe in die Ent-
wicklung eines zusätzlichen Medikaments investiert.
In der Schule lernen unsere Kinder immer noch die Mathematik der Sicherheit
– Algebra, Trigonometrie. Die Mathematik der Unsicherheit, statistisches Den-
ken, wird kaum gelehrt, obgleich sie wesentlich nützlicher für das Leben nach
der Schule wäre. Daher kann man Otto Normalverbraucher mit Zahlen leicht
irreführen, und das geschieht täglich. Beispielsweise zeigt die Europäische
Prostatakrebs-Screening-Studie, dass bei je 1.000 Männern, welche einen
PSA-Test machen, die Prostata-Krebssterblichkeit zwar von 3,7 auf 3,0 fällt,
die Gesamt-Krebssterblichkeit sich aber nicht verändert, sondern 23,8 bzw.
23,9 beträgt. Letzteres erfährt so gut wie kein deutscher Mann. Ersteres
wurde in der Presse als eine "20-prozentige Verringerung" der Sterblich-
keit verkündet. 20 Prozent klingt besser als 0,7 in 1.000, ist aber das
Gleiche.
Kein Wunder, dass 94 Prozent der deutschen Männer den Nutzen der Früh-
erkennung um ein Zehnfaches, ein Hundertfaches oder mehr überschätzen
oder nichts darüber wissen. Bei den deutschen Frauen sind es gar 98 Pro-
zent, welche den Nutzen von Mammographie-Screening derart überschätzen.
Damit sind wir Deutschen europaweit das Schlusslicht. Russen und Russinnen
beispielweise schätzen den Nutzen bei Weitem realistischer ein.
Das 21. Jahrhundert wird uns mit Krisen überraschen, deren Umfang wir
uns heute nicht vorstellen können. Um mit den Risiken und Chancen einer
modernen technologischen Welt umzugehen, brauchen wir mehr als Investi-
tionen in Geräte, Tests und Bürokratien. Wir brauchen mündige Bürger,
die informierte Entscheidung treffen können.
Der Autor
Prof. GerdGigerenzer
ist Direktor des Max-
Planck-Instituts für
Bildungsforschung
in Berlin.
Gigerenzer ist mit dem von Stifter-
verband und Deutscher Forschungs-
gemeinschaft (DFG) verliehenen
Communicator-Preises 2011 aus-
gezeichnet worden.
Foto: Thomas Hörner
Klaus Fröhlich schrieb am 2011-07-11 16:48:35
Sehr guter Beitrag! Bei solchen Themen scheiden sich die Qualitäts- von den Sensationsmedien. Leider sind letztere in der Mehrheit!