Holger Krimmer:
Zivilgesellschaft im Ausstand?

Von Stuttgart bis Berlin hat die Zivilgesellschaft im Aufstand in den

zurückliegenden Monaten Politiker das Fürchten gelehrt. Wirklich

alarmieren sollte uns aber der Gedanke an eine Zivilgesellschaft im

Ausstand.


1. Juli 2011

Keine freiwilligen Feuerwehren, die Brände löschen oder Keller leer pumpen;
keine Kindertagestätten freier Träger, die jungen Eltern die Vereinbarkeit von
Familie und Beruf ermöglichen; keine Sportvereine, gemeinnützigen Kultur-
angebote und Stadtteilfeste, Krankenhäuser und Pflegeheime, Seniorenge-
nossenschaften und Suppenküchen. Die internationale Zusammenarbeit
müsste ohne Entwicklungshilfeorganisationen auskommen, gesellschaftliche
Innovationen wären um den Beitrag der Stiftungen ärmer und zahlreiche
Kultur- und Bildungseinrichtungen müssten ohne die Unterstützung ihrer
Fördervereine auskommen. Von der wichtigen Arbeit von Stadtteilmüttern,
Integrationslotsen und Jugendfreiwilligendienstleistenden ganz zu schwiegen.

Das Gedankenspiel deutet es an, neue Daten belegen es: Zivilgesellschaftliche
Selbstorganisation ist nicht zu ersetzen. Am 29. Juni 2011 haben der Stifter-
verband, die Bertelsmann Stiftung und die Fritz Thyssen Stiftung die Ergeb-
nisse einer gemeinsamen Studie vorgelegt, durchgeführt vom Statistischen
Bundesamt und dem Centrum für soziale Investitionen und Innovationen.
Danach tragen zivilgesellschaftliche Organisationen mit  89 Milliarden Euro
jährlich einen Anteil von 4,1 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowert-
schöpfung bei. Das entspricht etwa dem Umfang der deutschen Bauwirt-
schaft oder der Hälfte des Beitrages des öffentlichen Sektors.

Nahezu jeder zehnte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (9,2 Prozent)
arbeitet für eine Organisation dieses Dritten Sektors neben Markt und Staat.
Zusammen mit 300.000 geringfügig Beschäftigten entspricht das 2,6 Millio-
nen Beschäftigten insgesamt. Aus anderen Studien wissen wir, dass sich
weitere 23 Millionen Bürgerinnen und Bürger in gemeinnützigen Organisa-
tionen, Initiativen und informellen Netzwerken freiwillig engagieren.
Aber was bedeuten diese abstrakten Zahlen für das Leben im Alltag?

Der deutsche Sozialstaat ist ohne Zivilgesellschaft nicht zu machen.
Vier von fünf sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Sozialwesen und
mehr als zwei Drittel aller Beschäftigten in Alten- und Pflegeheimen, Ein-
richtungen für Behinderte und anderen Heimen arbeiten in zivilgesell-
schaftlichen Organisationen. Im Gesundheitsbereich sind zwar nur ein
Prozent der Unternehmen Teil des Dritten Sektors. In diesen wenigen
Organisationen arbeiten aber 25 Prozent aller sozialversicherungspflich-
tig Beschäftigten des Gesundheitsbereichs. Das Bild vom Freizeitverein,
in dem viel guter Wille den Mangel an Professionalität kompensiert,
verfehlt die Wirklichkeit. Hier sind es gerade große Organisationen mit
250 Beschäftigten und mehr, die das Bild von Zivilgesellschaft prägen.

Trotz dieser eindrucksvollen Zahlen braucht das Thema Zivilgesellschaft
offensichtlich einen langen Atem, um in der öffentlichen Wahrnehmung
und der politischen Diskussion anzukommen. In Deutschland setzt erst
mit den 80er Jahren die intensive Beschäftigung mit Drittem Sektor und
sozialem Engagement ein. Heute besteht weitestgehend Einigkeit darüber,
dass Zivilgesellschaft kein Lückenbüßer für haushaltsbedingte Kapazitäts-
verluste des öffentlichen Sektors sein darf, sondern maßgeblich drei
Aufgaben zu erfüllen hat. Privates gemeinnütziges Engagement sichert
die Lebendigkeit von Demokratie, erbringt wichtige soziale Dienstleistun-
gen und stellt in über einer halben Million Vereinen tagtäglich aufs
Neue sozialen Zusammenhalt her, in dem sie Übernahme von Verant-
wortung für und Identifikation mit dem Gemeinwesen ermöglicht.

Die zunehmende Wertschätzung, die bürgerschaftliches Engagement
in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren erfährt, ist Zeichen für einen
positiven Bewusstseinswandel. Wichtiger sind aber konkrete politische
Maßnahmen. Die Verbesserung rechtlicher Rahmenbedingungen ge-
meinnütziger Organisationen und Engagierter, die Einbeziehung zivil-
gesellschaftlicher Akteure in die Politiken unterschiedlicher Politikfelder
von Bildung bis zur Pflege und die dauerhafte Implementierung einer
Drei-Sektoren-Perspektive in der amtlichen Statistik wären wichtige
Bausteine. Dass die politische Beschlusslage aber den Einsichten der
öffentlichen Diskussion hinterherhinkt, kann nur als Aufforderung
verstanden werden: dass Zivilgesellschaft nicht nur in Fragen des
Gemeinwohls, sondern auch in eigenen Belangen engagierter Innova-
tions- und Impulsgeber der Politik sein muss.

Kommentar hinzufügen

Der Autor

Mehr Info