Wie verändern die neuen Medien
die gesellschaftliche Wirklichkeit?

Interview mit Zukunftsforscher und Organisationspsychologe

Peter Kruse über die Macht der neuen Medien


aufzaehlung_blank_1zeilig
Peter Kruse (Foto: StandOut)

aufzaehlung_blank_1zeilig
Demonstranten in Ägypten mobilisierten sich über Twitter und Facebook.
Wikileaks erschüttert mit immer neuen Enthüllungen die internationale Politik.
Gesellschaftliche Herausforderungen werden in ihren Auswirkungen immer
komplexer und zugleich globaler. Was verändert sich da eigentlich?


Wir erleben eine grundlegende Änderung der weltweiten Kommunikations-
systeme. In den 90er Jahren hatten wir vor allem die Vernetzungsdichte in
der Welt erhöht, uns daran berauscht, Zugang zu immer mehr Informatio-
nen und Kontakt zu immer mehr Menschen zu erhalten. Dem folgte eine
sprunghafte Zunahme der Bereitschaft, sich selbst mit vielfältigen Beiträ-
gen im Netz einzubringen. Der "Zugangs-Boom" mündete im "Beteiligungs-
Boom".

Jetzt hat mit den sozialen Netzwerken des Web 2.0 die Spontanaktivität im
Internet dramatisch zugenommen. Millionen wollen eigene Spuren im Netz
hinterlassen und selbst etwas verändern. Im Internet bildet sich ein Inter-
aktionsraum, in dem aus dem Stand heraus neue Koalitionen aktivierbar
werden. Gruppierungen und Szenen werden immer dichter miteinander ver-
koppelt. In Deutschland haben Schnelligkeit und Intensität, mit der sich die
Stuttgart-21-Gegner organisiert haben, gezeigt, welche Wirkungen so mög-
lich werden.


Es entstehen Rückkoppelungseffekte, die ganze Gesellschaften verändern.

Ja, wir haben systemische Voraussetzungen für sich selbst verstärkende
Dynamiken geschaffen: hohe Vernetzungsdichte, viele spontan aktive Netz-
werkknoten und jede Menge positive Rückkoppelungseffekte. So können
sich auch "Hypes" optimal entwickeln. Die Retweet-Funktion bei Twitter
und der "I like it"-Button von Facebook machen es leicht, Informationen
immer wieder ins System zurückzuspeisen. Dem sozialen Gehirn "Internet"
steht jetzt ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis zur Verfügung, eine
wichtige Voraussetzung für organisiertes Verhalten im Netz.

Die Lust an der aktiven Gestaltung von Meinung, der Drang zur praktischen
Umsetzung von politischen Zielen nimmt zu. Jenseits von Partei und Lobbyis-
mus bilden sich Interessensgemeinschaften, die beeindruckend in der Lage
sind, demokratisch relevante Mehrheiten zu akquirieren. Die ausgelösten
Effekte sind in ihrer Dimension für bestehende Machtstrukturen irritierend
und schwer vorhersehbar. Wir erleben eine Repolitisierung der Bürger.
Die sich in einem Monat unter dem Kürzel "unibrennt" im Internet auf
98 europäische Universitäten ausbreitende Protestkampagne gegen den
Bologna-Pprozess, die von Wiener Studenten im Oktober 2009 gestartet
wurde, ist ein frühes und bereits sehr beeindruckendes Beispiel.


Sie sagen, die Steuerbarkeit von gesellschaftlichen Prozessen gehe
zurück. Wie könnten Politiker, Unternehmer oder Hochschulmanager
darauf reagieren?


Der Echtzeitdatenstrom des Internet ist eine Erkenntnisquelle, deren
eigentlicher Wert gerade erst entdeckt wird. Insbesondere Google ist
sich bewusst, dass das Verständnis gesellschaftlicher Ordnungsbil-
dungsprozesse über die Analyse der Datenströme im Internet für Ent-
scheidungsträger immer wichtiger wird. Die explodierende Komplexität
macht es unmöglich, über relevante Themen wie Gesundheit, Arbeit,
Bildung "von oben herab" zu entscheiden – oder wie Heiner Geisler
es als Schlichter bei Stuttgart 21 formulierte: "Die Zeit der Basta-
Politik ist vorbei."

Institutionen, die sich den Diskursen und Wertemustern der direkt
Betroffenen nicht öffnen, werden mit traditionell geplanten und ver-
mittelten Reformvorhaben zunehmend Schiffbruch erleiden. Das heißt,
Parteien, Unternehmen oder Bildungsinstitutionen werden ihren ge-
wohnten Einfluss nur noch dort ausüben können, wo es ihnen gelingt,
die Menschen zu aktivieren. Nur wer selbst Teil der Dynamik wird,
hat eine Chance, die Themen zu treffen, die resonanzfähig sind.
Wer nicht "mitschwingt", wird abgehängt. So gesehen wechselt die
Macht vom Anbieter auf den Nachfrager. Das ist radikal.


Zu Teil 2 des Interviews:
Was bedeuten die neuen Kommunikationssysteme für die Hochschulen?


raym schrieb am 2012-02-25 15:39:07

intressant

Zur Person

Das Interview