Was bedeuten die neuen Kommunikationssysteme
für die Hochschulen?

Fortsetzung des Interviews mit Peter Kruse


Zu Teil 1 des Interviews


Woran machen Sie diesen Wandel in der akademischen Welt fest?

Als Hochschullehrender zum Beispiel stehen Sie nun nicht nur im Vergleich
mit den Kollegen vor Ort, sondern letztlich im Wettbewerb mit den besten
Vortragenden der Welt. Internationale Plattformen wie TED.org legen da
die Latte hoch. Wer da noch glaubt, Lehre als "Nebensache" abhandeln zu
können, hat den Kampf um die besten Studenten, schnell verloren.
Denn das Internet garantiert eines auf jeden Fall: Transparenz.

Die Attraktivität von Lehre und Lehrenden wird die Universitäten in Zukunft
also mindestens so sehr beschäftigen wie ihre wissenschaftliche Reputation
und ihre Attraktivität für Drittmittelgeber. Der "War for Talents" hat in der
Wirtschaft längst begonnen und die großen Unternehmen sind sich darüber
im Klaren, dass die Generation, die mit dem Potential der sozialen Netz-
werke groß geworden ist, sich sehr bewusst aussuchen wird, zu welchem
Arbeitgeber sie gehen werden. Für die Wahl der Universität wird das noch
viel stärker gelten.


Peter Kruse (Foto: StandOut)Sie kritisieren Hochschulen als
hierarchische "Anstalten". Sind wir
davon nicht schon entfernt?


Wir haben häufig den Auftrag, Füh-
rungskulturen in Unternehmen zu
analysieren. Da wird einem schnell
klar, dass offene und verdeckte Be-
lohnungssysteme ebenso wie impli-
zite Regeln einen großen Einfluss
ausüben. Und diesbezüglich erscheint
mir die Situation an den Universitäten
nicht vorteilhaft. Die Druckverteilung
in der universitären Hierarchie er-
scheint immer noch kontraproduktiv.
Insbesondere der wissenschaftliche
Nachwuchs steht sowohl ökonomisch
als auch inhaltlich extrem stark unter
Dampf. Ist das wirklich sinnvoll?

Während meiner Zeit an der Universität wurden viele Stellen im Mittelbau
gestrichen und die finanzielle Unterausstattung von Entwicklungspositionen
entwickelte sich bedenklich – bis heute. Unter solchen Bedingungen ent-
steht schnell ein Klima der Angepasstheit. Man versucht möglichst strom-
linienförmig und in Bestzeit seine Qualifizierungsschritte zu absolvieren.
Das begünstigt eine Führungskultur, in der die längst überfällige Ordina-
rienherrlichkeit durchaus weiterhin fröhliche Urstände feiern kann.


Also doch mehr Marktmechanismen in das Bildungssystem initiieren?

Ja und nein. Es besteht die Gefahr, dass man eine Einführung von Markt-
mechanismen mit der konsequenten Ausrichtung auf Effizienz gleichsetzt.
Da werden dann Modelle übertragen, die bei Unternehmen inzwischen
schon wieder "aus der Mode" sind. Viele Firmen entwickeln neue Steue-
rungsgrößen und Erfolgskriterien, die der gestiegenen Komplexität der
Märkte Rechnung tragen. Der Schwerpunkt relevanter "Messgrößen"
verlagert sich immer mehr auf Kreativität und Innovation.

Vielleicht macht es also Sinn, dass die Universitäten hier eine Phase
überspringen und gemeinsam mit der Wirtschaft an der Entwicklung
neuer Organisationsprinzipien arbeiten, die den geänderten Erfordernis-
sen einer vernetzten Welt gerecht werden. Best-Practice-Beispiele von
gestern sind jedenfalls oft genug ein schlechter Ratgeber – auch wenn
sie ihren Mehrwert durchaus überzeugend darzustellen wissen.
Die bloße Anwendung von Patentrezepten wird der aktuellen Dynamik
einfach nicht mehr gerecht.


Jetzt gerade entwickelt sich aber gerade ein neuer Berufszweig
des "Hochschulmanagers".


Den Wunsch der Hochschulen nach kompetenter Unterstützung organisato-
rischer Abläufe ist natürlich nachvollziehbar – geht es etwa darum, die
Institution Universität durch hinreichende Irritation wachzurütteln, mag
selbst der klassische Managementansatz hilfreich sein. Kommen aber zu
viele klassisch ausgebildete Manager an die Hochschule, befürchte ich
eine Entwicklung, die für Hochschulen ungeeignet ist. Eine Universität ist
weder eine Lernfabrik noch die Entwicklungsabteilung eines Konzerns.
Studierende sind weder Kunden noch Mitarbeiter.

Im Bildungsbereich haben so gesehen Metaphern, die rein auf Optimie-
rung ausgerichtet sind, prinzipiell nur eine geringe Gültigkeit. Eigentlich
gehören die Universitäten an die Spitze einer Bewegung, welche Orga-
nisationsformen und Kulturmuster entwickelt, die geeignet sind, die
Leistungsfähigkeit von Hierarchien mit der Offenheit und Kreativität
von Netzwerken zu verbinden.


Arbeitswelten und Berufskarrieren verändern sich rapide. Wird auch
dieser Trend die Hochschulen stärker beeinflussen?


Ich glaube, dass klassische Berufskarrieren auch im universitären Raum
immer mehr zu Auslaufmodellen werden. Das lineare Hochwachsen –
früher eher typisch für die Systeme – wird sich weiter auflösen. Man
wird häufiger und selbstverständlicher den Weg der gebrochenen Kar-
riere gehen. Attraktivität und Marktwert solcher Profile nimmt in der
Wirtschaft bereits deutlich zu. Parallel nimmt die Wechselbereitschaft der
High-Potentials auch über Firmengrenzen hinweg zu. Manchmal hat man
den Eindruck, dass geradezu eine Renaissance der Zünfte bevorsteht.
Die Identität der eigenen Profession wird wichtiger als die Zugehörigkeit
zum Image oder der Sozialisation eines Unternehmens.


Daran könnten auch Hochschulen partizipieren?

Nur wenn sie auch hier den Trend nicht verschlafen. Die schiere Menge
junger Menschen, die schon aufgrund ihres Alters offen und neugierig das
Neue suchen, geht ja zurück. Eine Gesellschaft, die von ihrer Innovations-
kraft lebt, muss daher verstärkt auf "kreative Grenzgänger" setzen, auf
Menschen, die in ihrem Handeln und Denken kreativ stören, Veränderungen
lostreten, losgelöst vom Lebensalter. Diese Grenzgänger haben es gelernt,
Instabilitäten zu ertragen und sich aktiv in Netzwerken zu organisieren.
Unternehmen und Hochschulen suchen natürlich weiter nach den "rich-
tigen" jungen Leuten.

Diese Suche wird aber immer mehr enttäuscht werden. Wir brauchen also
mehr Durchlässigkeit zwischen Funktionsbereichen und Altersgruppierungen,
die gezielte Förderung von "schrägen Typen" und eine maximale Bereit-
schaft, sich auf das Experiment eigendynamischer Netzwerke ein zu lassen.
Das gilt natürlich insbesondere auch für Hochschulen.

Tanja Föhr schrieb am 2011-03-18 11:43:53

Bei einer neuen Führungskultur für Unternehmen findet Herr Kruse deutliche und klare Worte, die in die richtige Richtung gehen und eine gute Orientiertung geben "(Next Practice - Erfolgreiches Management von Instabilitäten 2009). Bei der Veränderung in "eigener Sache" scheint er sich nicht richtig zu trauen und belässt es bei "netten" Forderungen. Hier gäbe es viel zu verändern und zu öffnen. Schade, von dem Interview hatte ich mir mehr erhofft.

Christian Salzborn schrieb am 2011-04-01 14:19:12

Ein interessantes Interview. Und ich bin schon lange ein Fan von Peter Kruse - vor allem seine Thesen zum Verlust des "Statussymbols Automobil" unterstütze ich voll und ganz. Doch diesesmal muss ich bezüglich seiner Ansichten zur Bedeutung des Web 2.0 intervenieren. Jener "Hype ums Internet", die "Digitale Revolution" oder "Demokratie 2.0" hat sich (empirisch betrachtet) bis heute nicht bestätigt (Vgl. u.a ARD/ZDF-Online-Studie 2010; Schrape 2010; Gerhards 2007). Es lässt sich festhalten, dass die aktive Teilnahme am Web 2.0, die ad definitionem seinen Mehrwert gegenüber dem "alten" Internet generiert, abnimmt. Eine Mehrheit der User nutzt das Web rein passiv: "Der Mitmachgedanke entfacht also keine Breitenwirkung, sondern bleibt beschränkt auf eine Gruppe von Onlinern, die beisteuern, was von der Masse abgerufen wird. Analog zum Rückgang des Interesses, sich aktiv an Web-2.0-Angeboten zu beteiligen, sinkt auch die Zahl derjenigen, die dies tatsächlich tun. Ob das Web 3.0, das Social Semantic Web, mit seiner neuen Semantik und neuen Ordnungssystemen dies zu ändern vermag, bleibt abzuwarten." (Busemann, ARD/ZDF Online-Studie 2010) - Sollten wir hier wirklich von einem "Beteiligungs-Boom" sprechen? Grüße

Thomas Dornier schrieb am 2011-04-01 14:57:20

Ob so ein griffiges Wort wie Beteiligungs-Boom die Veränderungen im Web adäquat wiedergeben, darüber lässt sich streiten. Dass Neuheiten erst einmal von vielen ausprobiert werden und nach einer ersten Welle (Hype) die Nutzung wieder nachlässt, ist keineswegs ungewöhnlich. Erst in dieser Phase zeigt sich, welche Substanz eine Innovation tatsächlich hat. Und der Blick auf die sich verstetigenden, allgemein akzeptierten und bekannten Angebote wie Wikipedia, Twitter oder Facebook bestärken mich in der Annahme, dass das Mitmach-Web keine einmalige Welle ist, die nun ausläuft. Sie werden sich deswegen etablieren, weil sie den Nutzern tatsächlich Mehrwert bieten. Dass die Mehrheit das Web passiv nutzt, mag sein - aber was heißt da passiv? Ist E-Mail schreiben passiv? Oder die Auswahl, welche Webseiten unter Millionen möglichen ich lese?

Christian Salzborn schrieb am 2011-04-01 15:43:05

Hallo Thomas, da gebe ich Dir Recht. Etablierte Plattformen wie YouTube und Facebook werden (oder haben bereits) ihren Platz in der Gesellschaft und damit im Leben des Einzelnen gefunden (zu dem Ergebnis kommt übrigens auch die oben zitierte Studie). Es sagt auch keiner, dass hier eine "Welle" ausläuft. Es wurde nur kritisch hinterfragt, ob nur die Nutzung einzelner Plattformen ausreicht, um von irgendwelchen "Booms" zu reden, die unsere ganze Gesellschaft, unser Kommunikationsverhalten auf den Kopf stellen werden. Ich glaube nicht. Hier werden nur originäre Systeme und etablierte Verhaltensweisen auf das Internet übertragen - mehr eigentlich nicht. Das wird von vielen nicht beachtet. Diese tun so, als ob mit dem Web 2.0, Facebook und Co. das Rad der Kommunikation und sozialer Interaktion neu erfunden wird. Solche Ansichten gab es wirklich schon immer bei der Einführung neuer Medien, da müssen wir nicht mal bis zu Gutenberg zurück gehen (vgl. McLuhan - Das globale Dorf). Grüße

Thomas Dornier schrieb am 2011-04-01 16:29:32

@ Christian: Klar, das Web 2.0 macht aus uns keine „neuen Menschen“. Sicher haben wir unser Kommunikationsverhalten aus der Offline-Welt erst einmal ins Internet transportiert. Dennoch bin ich der Meinung, dass durch den Rahmen, den das Web bietet, etwas Neues entsteht. Vielleicht liegt das Innovative auch nur in der Ausprägung - so wie nicht die Erfindung des Autos unsere Mobilität revolutioniert hat, sondern eigentlich erst die Massenmotorisierung nach dem 2. Weltkrieg. Ich meine damit zum einen die Möglichkeit kommunikativer Partizipation und Vernetzung. Die gab es natürlich auch früher schon (Leserbriefe, Bürgerinitiativen), aber das niedrigschwellige Angebot im Netz bewirkt, dass mehr Leute diese Möglichkeit der Teilnahme für sich entdecken und nutzen. Damit erodiert die Meinungsführerschaft etablierter Medien, auch wenn ich diese nicht gänzlich verschwinden sehe. Zum anderen sehe ich eine Demokratisierung des Wissens durch den um vieles leichteren Zugang und auch durch so etwas wie (um einen hochtrabenden Begriff zu gebrauchen) Schwarmintelligenz. Das ist nicht nur Wikipedia, sondern auch Projekte wie OSM.

Michael Sonnabend schrieb am 2011-04-07 00:22:01

Ja, der Begriff "Schwarmintelligenz" kommt etwas hochtrabend daher. Aber dahinter verbirgt sich sich doch die eigentliche Macht des Web 2.0: Durch das retweeten, verteilen und empfehlen kommen die wirklich wichtigen Dinge auf eine quasi-demokratische Weise ans Licht und ins Bewusstsein. Die Verbreitung von Ideen, Meinungen und Überzeugungen ist nicht mehr ausschließlich von den bisherigen Meinungsmachern in Parteizentralen, Marketingabteilungen oder Redaktionen abhängig. Das Web 2.0 bietet zumindest theoretisch für jeden die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Diese Möglichkeiten werden bis jetzt noch von vergleichsweise wenigen Personen wirklich intensiv genutzt. Aber spätestens, wenn die digital natives erwachsen werden, wird das Web sein volles Potenzial entfalten. Ob es uns letztlich klüger und die Gesellschaft besser machen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

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