Klaus Landfried:
Lernen statt Belehrung

4. Februar 2011

Als jemand, der einst Präsident der Universität Kaiserlautern und später
Vorvorgänger von Margret Wintermantel bei der Hochschulrektorenkonferenz
war, und der sich (als früheres Vorstandsmitglied der Europäischen Rektoren-
konferenz) zu den Eltern der Bologna-Erklärung rechnet, möchte ich die bisher
unbewiesene Behauptung in Frage stellen, das deutsche Diplom sei in der
Welt draußen allgemein anerkannt und ein "Markenzeichen".

Die Erfahrungen, die mir deutsche Informatiker, Ingenieure, Physiker, Psycho-
logen und Kaufleute berichtet haben und manchmal auch noch berichten,
wenn sie in USA, Canada, Indonesien, China, Japan, Australien oder Indien
an einer Uni weiter studieren wollen oder sich um Jobs bewerben, zeigen
das Gegenteil von dem, was die Oberpriester der deutschen Provinz-Wissen-
schaft zu behaupten nicht müde werden: "Diplom-what?" war und ist die
übliche Frage draußen. Diplome werden in den meisten anderen Ländern
an verdiente Feuerwehrleute vergeben oder auch als Ehrung.

Weder als Berufsbezeichnung noch als akademischer Abschluss wurden und
werden deutsche Uni-Diplome an Unis in der Welt wirklich gekannt oder gar
anerkannt. Von ein paar deutschland-vernetzten Professoren abgesehen.
Klar: Internationale Unternehmen schätzen deutsche Ingenieure. Wegen ihres
Könnens, nicht wegen ihres Titels.

Mit dem Nostalgie-Fimmel der akademischen Besitzstandswahrer tut man den
jungen Menschen, die studieren, keinen Gefallen. Dass manche Studierende
auf das Getöse hereinfallen, hängt natürlich damit zusammen, dass viele
(nicht alle) Professoren die Umsetzung der Bologna-Erklärung sabotiert haben
und anstelle von aktivem Lernen ein Bulimie-Lernen für viel zu viele Prüfungen
veranstalten. Bologna aber hatte von vornherein eine andere Leitidee: Lernen
statt Belehrung!

Warum klappt es mit dem Ingenieur-Bachelor in Darmstadt (TU) so gut?
Weil dort die Professoren etwas Neues machen: Lernen statt Belehrung.
Wurde solches denn nicht von der Akkreditierungs-Agentur durch Vorgaben
unterbunden? Mitnichten! Sind denn die Strukturvorgaben des Ministeriums
in Hessen freier als zum Beispiel im gottgesegneten Saarland? Mitnichten!

Warum gibt es in den Niederlanden, in Dänemark oder Schweden kein Ge-
schrei wie bei uns? Weil dort die Lehre besser organisiert ist! Mehr Geld?
Auch nicht. Nur mehr Können.

Hendrik Frentrup schrieb am 2011-02-05 15:19:03

Sie treffen den Nagel auf den Kopf! Genau so waren auch meine Erfahrungen in England, USA, Zentralamerika und Japan. Als deutscher Ingenieur wird man wegen seiner Fähigkeiten geschätzt. Der Titel "Diplom-Ingenieur" sagt kaum jemand etwas, wobei man mit der Bezeichnung "Master's equivalent" man ganz gut durch kommt. Dabei ist natürlich auch Anzumerken, dass Titel generell für nicht so wichtig gehalten werden. Ein Dr. oder ein Ph.D sind im angelsächsischen Raum darüber hinaus hauptsächlich im akademischen Umfeld anzutreffen. Die deutsche Obsession mit diesen Titeln ist da etwas mit Vorsicht zu genießen. Für die zukünftigen Absolventen mit richtigen Bachelor und Master Abschlüssen wird dies über kurz oder lang etwas einfacher. Wirklichen Nutzen haben die Studenten natürlich von der erhöhten und einfachen Mobilität nach dem Studium. Die Mobilität während des Studiums darf dabei allerdings nicht vergessen werden. Ich hoffe, dass an deutschen Universitäten in naher Zukunft auf diesem Gebiet etwas passiert.

Dr. Frank Stefan Becker schrieb am 2011-02-15 09:54:06

Ein sehr treffender Beitrag, den ich voll unterstütze. Hinter der emotionalisierten Diplomdebatte lässt sich hervorragend der Unwille verstecken, an den traditionellen Studiengängen etwas zu ändern - z.B. weg vom dozentenbezogenen Diplomstudiengang und hin zum studierendenbezogenen gestuften Studium (B/M). Wenn sich dann ein breites Bündnis von u.a. Gesamtmetall über den VDI , den Stifterverband bis zur IG Metall und dem AStA der Hochschule Wismar gegen den Schildbügerstreich der Diplom-Wiedereinführung (als Wahloption, die aber die Mehrzahl der Ingenieure dort gar nicht wahrnehmen könnte!) in Mecklenburg-Vorpommern ausspricht, so wird das seitens der TU9 mit der Schlagzeile "Lobbyisten versuchen Verunsicherung zu schüren" zur Seite gewischt. Stattdessen versteigen sich die TU9 sogar zu der Forderung, der Berufspraxis vorschreiben zu wollen , dass ihr Master "der Regelabschluss für Karrieren in der Wirtschaft" (TU9 Jahresbericht 2010) zu sein habe. Nichts zeigt deutlicher, dass es hier keineswegs um Qualität der Ausbildungsinhalte, sondern um Statusgerangel im deutschen Bildungssystem geht. Als Absolvent eines Diplomstudiums an einer TU9 Universität mit 30 Jahren Industriepraxis kann ich da nur noch den Kopf schütteln. Die wirklich Leidtragenden sind die derzeitigen Absolventen. Dr. Frank S. Becker, Vorsitzender des Fachbeirats ingenieurausbildung des VDI

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