Arend Oetker:
Die Bologna-Universität

Für den 6. Mai 2011 hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan zu der
2. Bologna-Konferenz eingeladen. Dort warfen Wissenschaftspolitiker, Hoch-
schulrektoren, Wirtschaftsrepräsentanten und Studentenvertreter einen kriti-
schen Blick auf die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master. Unter den
Teilnehmern war auch Arend Oetker. Der Präsident des Stifterverbandes be-
wertet für "Meinung & Debatte" die Bologna-Reform.
Von einer guten Universität erwarte ich, dass sich alle Studenten gleichermaßen
wohlfühlen und ihre Talente und Fähigkeiten entfalten und entwickeln können.
Jene, die eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben, ebenso wie jene, die
später einen anspruchsvollen Beruf in Wirtschaft, Kultur oder Verwaltung er-
greifen wollen. Zu dieser Entfaltung gehört auch, Bachelorabsolventen, deren
Wunsch und Befähigung vorausgesetzt, nicht vom Masterstudium auszusperren.
Eine aktuelle Studie des Stifterverbandes zeigt zum Glück, dass entsprechende
Sorgen unbegründet sind. Wir sollten aber dafür Sorge tragen, dass das auch
künftig so bleibt, wenn die doppelten Abiturjahrgänge an die Hochschulen strömen.
Bologna bietet den Studenten vielfältige Möglichkeiten, sich individuelle Bil-
dungspakete zu schnüren. Endlich ist es möglich, den Bachelor im einen
Fach mit einem Master in einem anderen zu kombinieren. Oder nach dem
Bachelor in den Beruf einzusteigen und später zielgenau einen Master
draufzusatteln. Das machen erst wenige, aber im alten System ging all
das gar nicht. Insofern hat sich die Umstellung auf Bachelor und Master
gelohnt. Und sie hat sich auch gelohnt, weil wir diese Flexibilität brauchen,
wenn wir immer mehr junge Menschen für ein Hochschulstudium gewinnen wollen.
Wenn wir den Bachelorstudierenden mehr Sicherheit geben wollen, die Flexibili-
tät von Bologna auch wirklich zu nutzen, dann müssen wir ihnen die Angst davor
nehmen, mit dem neuen Abschluss keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu
haben. Der Stifterverband hat sich deshalb in seiner aktuellen Studie auch an-
gesehen, wie Bachelorabsolventen in das Berufsleben starten und wie die Un-
ternehmen mit dem neuen Abschluss umgehen. Die Ergebnisse sind insgesamt
ermutigend: Viele Unternehmen legen weder bei der Besetzung von Einstiegs-
positionen, noch bei den Gehältern oder den weiteren Karriereperspektiven
großen Wert auf die Art des Hochschulabschlusses.
Das zeugt von einer Unaufgeregtheit, die mich nicht nur überrascht, sondern
vor allem freut. Der Bachelor ist am Arbeitsmarkt angekommen – und das
müssen Sie nicht mir glauben, sondern denen, die es wissen müssen, und
die wir für die Studie befragt haben: den Bachelorstudierenden, den Ab-
solventen und den Arbeitgebern. Denjenigen also, über die zwar seit Jahren
viel gesprochen und geschrieben wird, die aber bisher selber kaum zu Wort
gekommen sind.
Wahrscheinlich führen wir die Diskussion um Studienabschlüsse hierzulande
auch viel zu formalistisch. Mir ist es deshalb wichtig, dass wir unser Augen-
merk künftig wieder mehr auf die inhaltliche Qualität von Studiengängen
legen, als uns zu sehr über Abschluss-Strukturen auseinander zu setzen.
Sowohl die von uns befragten Studierenden, als auch die Absolventen und
die Unternehmen sehen einen deutlichen Verbesserungsbedarf in den Stu-
diengängen. Die allenthalben vorgebrachten Verbesserungswünsche, näm-
lich eine wirkliche inhaltliche Reform der Curricula, eine besseres Abstim-
mung des Lehrangebots innerhalb der Studiengänge, Praxisrelevanz der
Lehre und mehr Freiräume für Praktika oder Auslandsaufenthalte – diese
Verbesserungswünsche zeigen, dass die Studienreformprojekte zuweilen
noch hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleiben.
Die Bolognareform ist angetreten, mit einem neuen System international
vergleichbarer Abschlüsse auch neue Inhalte und Lernformen zu implemen-
tieren. Gute Beispiele für gelungene Studiengänge gibt es allenthalben.
Und weil wir überzeugt sind, dass letztlich die Studierenden selbst die
Qualität ihrer Studiengänge am besten beurteilen können, werden wir am
12. Mai einen Wettbewerb mit dem Titel "Cum Laude" starten, bei dem wir
Studierende einladen, uns Beispiele besonders gelungener Studiengänge
vorzustellen.
Die Studienreform hat im letzten Jahr noch einmal neuen Schwung auf-
genommen. Ich bin optimistisch, dass die guten Beispiele auch flächen-
deckend Schule machen werden.
Der Autor
Dr. Arend Oetkerist Unternehmer
und Präsident des
Stifterverbandes
für die Deutsche
Wissenschaft.
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