Mathias Winde:
Hochschulräte abschalten?

Zur geplanten Entmachtung von
Hochschulräten


Liest man die öffentlichen Statements einiger Politiker, Professoren und
Studenten zu Hochschulräten, so scheint es sich dabei um eine höchst ge-
fährliche Einrichtung zu handeln. Die Freiheit der Wissenschaft sei durch
sie bedroht, einseitige Wirtschaftsinteressen würden nun die Universitäten
bestimmen. Bestenfalls uninteressierte, schlimmstenfalls inkompetente
Personen würden in die Lage versetzt, unsere Universitäten und Fachhoch-
schulen in den wissenschaftlichen GAU zu steuern. Die Gefahren, die von
dieser "Privatisierung der Hochschulen" ausgingen, müssen ausgeschaltet
werden, fordern Interessenvertreter. Einige Politiker machen sich bereits
daran, Hochschulräten den ihnen gerade gewährten Einfluss wieder zu
nehmen und sie in Plauderstündchen zurückzuverwandeln.

Was aber ist dran an den Vorwürfen gegen Hochschulräte? Sind die Vor-
würfe haltbar, bestehen sie den Faktencheck? Ein Blick auf fünf gängige
Vorwürfe.

Vorwurf 1: Die Unabhängigkeit der Universität ist nicht mehr gewährleistet.

Falsch. Hochschulräte haben größtenteils keine Aufgaben erhalten, die vorher
bei der Universität lagen, sondern welche, die vorher beim Ministerium lagen.
Die Hochschulen sind autonomer als früher, sie konnten sich durch die Hoch-
schulräte von einigen ministeriellen Detailsteuerungen befreien, über die sie
sich jahrzehntelang beschwert haben. Wer Hochschulräte entmachtet, wird
nicht die Hochschule stärken, sondern die Macht der Ministerialbeamten.

Vorwurf 2: Hochschulen werden durch Hochschulräte fremdgesteuert.

Stimmt nicht. Ein größerer Einfluss von unterschiedlichen gesellschaftlichen
Gruppen war zwar das Ziel von Hochschulräten, es wurde aber nur teilweise
erreicht. So wird nur eine Minderheit von Hochschulräten rein mit externen Mit-
gliedern besetzt. Insbesondere in den Bundesländern, in denen Hochschulräte
mehr Macht haben, sind sie zumeist paritätisch aus internen und externen Mit-
gliedern zusammengesetzt. Bei der Auswahl der externen Ratsmitglieder kann
von Fremdsteuerung ebenfalls keine Rede sein: In fast allen Bundesländern
wählen die Senate, also die Vertretung der Angehörigen der Hochschule,
zusammen mit den Landesregierungen die Hochschulräte aus.

Vorwurf 3: In den Hochschulräten sitzen größtenteils Vertreter der

Wirtschaft.

Vollkommen falsch. Über 50 Prozent der Mitglieder in deutschen Hochschulräten
sind Wissenschaftler. Nicht einmal jedes Dritte Hochschulratsmitglied hat einen
Wirtschaftshintergrund. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stif-
tung hat herausgefunden, dass an den Universitäten Wirtschaftsvertreter noch
nicht einmal bei den externen Mitgliedern die größte Gruppe stellt: Dies sind
auch hier Wissenschaftler. Fachhochschulen, Privathochschulen, Technische Uni-
versitäten: Egal, welche Hochschultypen man sich anschaut, an keiner stellen
Wirtschaftsvertreter die Mehrheit im Hochschulrat.

Vorwurf 4: Die Hochschulräte haben keine Ahnung vom Wissen-

schaftssystem.

Zugegeben: Nicht alle Hochschulräte sind Volltreffer. Es gibt desinteressierte
oder vielbeschäftigte Hochschulräte, die nur selten zu den Sitzungen kommen.
Es gibt auch Hochschulräte, die lediglich geringe Kenntnisse des Hochschul-
systems haben. Einige versuchen dann, Erfahrungen zum Beispiel aus Unter-
nehmen eins-zu-eins auf die Hochschulen zu bertragen. Das muss schiefgehen.
Es wirft aber auch die Frage auf: Warum greifen Hochschulen bei der Auswahl
der Personen offenbar so häufig daneben? Vielfach wird nach dem Motto ver-
fahren: Der klingendste Name muss in den Hochschulrat. Auf die Auswahl
der Räte nach Eignung müssen die Hochschulen und – richtig – auch die
Landesregierungen, viel mehr Sorgfalt verwenden.

Ein weiterer Punkt: Unkenntnis kann abgeholfen werden. In den USA werden
neue Hochschulräte in Wochenendklausuren, Seminaren, Einzelgesprächen
und mit Hilfe von umfangreichen Unterlagen von der Hochschule fit für ihre
neuen Aufgaben gemacht. Eine solche Kultur fehlt in Deutschland völlig.

Vorwurf 5: Hochschulräte arbeiten gegen die Selbstverwaltungsgremien

der Hochschulen.

Wer suchet, der findet. Zwei oder drei öffentlich gewordene Ereignisse müssen
seit Jahren für den Beleg herhalten, Senate und Hochschulräte würden sich in
einem permanenten Kampf gegenüber stehen. Dass es zwischen den unter-
schiedlichen Gremien einer Hochschule unterschiedliche Auffassungen geben
kann, ist nicht verwunderlich oder sogar gewünscht. Wenn es dabei auch noch
um einen neuen Präsidenten geht, wird dies schnell hochgekocht. Es gibt aber
überhaupt keine Hinweise darauf, dass der Hochschulrat häufiger in innerhoch-
schulische Konflikte verwickelt ist, als die traditionellen Selbstverwaltungsgre-
mien, deren Selbstzerfleischungsorgien im Übrigen legendär sind. Im Gegenteil:
Dass seit über zehn Jahren an mittlerweile über 300 Hochschulen Hochschulräte
fast geräuschlos ihre Aufgaben erfüllen, ist eine kleine Sensation.

Hochschulräte sind besser, als es ihr öffentlicher Ruf glauben machen will.
Überall dort, wo der Hochschulrat als integraler Teil der Hochschule verstanden
wird, arbeiten die Gremien Hand in Hand. Überall dort, wo Hochschulräte als
Partner gesehen werden, die wie die Hochschulangehörigen das Beste für ihre
Hochschule wollen, trägt die Zusammenarbeit Früchte. Hochschulräte sind in
der Lage, Hochschulen Impulse zu geben, gesellschaftliche Erwartungen zu
formulieren und in der Politik für die Anliegen der Hochschulen zu werben.
Nicht ohne Grund bezeichnen viele Präsidenten ihren Rat als Glücksfall für die
Hochschule. Allen, die die wenigen gesellschaftlichen Vertreter an Hochschulen
auch noch entmachten wollen, sei deshalb gesagt: Wir wollen Hochschulräte
statt Ministerialbeamte. Ausschalten? Nein, danke.

Volker Rossbach schrieb am 2011-05-13 13:38:33

Es gibt 5 Gründe, warum man Hochschulräte haben muss und mehr als 50, sie umgehend wieder abzuschaffen

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