Andreas Schlüter:
Die Krise und die Wirtschaftswissenschaften
Wie konnte das passieren? Die Finanzkrise stellt die Wirtschaftswissenschaften vor eine ihrer größten Herausforderungen. Und hat das Paradigma, dass Akteure stets rational und egoistisch handeln, endgültig widerlegt.
Beitrag für "Meinung & Debatte", 19. Januar 2011
Der Stifterverband hat im vergangenen Jahr sein 90-jähriges Jubiläum gefeiert. 1920 wurde er als private Gemeinschaftsinitiative zur Förderung der Wissenschaft gegründet, weil die deutsche Wissenschaft aufgrund des verlorenen Weltkrieges und der sich abzeichnenden Hyperinflation allein mit den staatlichen Geldern, die ihr zur Verfügung standen, nicht mehr arbeitsfähig war.
Was einige Jahre später auf die Hyperinflation folgte, ist als die Große Depression in die Weltgeschichte eingegangen. Die Große Depression war aber nicht nur eine ökonomische und schließlich auch eine politische Katastrophe von bislang ungekanntem Ausmaß, sondern sie war auch eine Nagelprobe für die Wirtschaftswissenschaften. Denn mit den bis dato vorherrschenden Theorien konnten die Wissenschaftler das Desaster weder erklären noch waren sie in der Lage, Auswege aus der Katastrophe zu zeigen. Es war schließlich John Maynard Keynes, der Mitte der 1930er-Jahre Antworten auf die damalige Krise der Wirtschaftstheorie fand.
Seit 2007 erleben wir eine zweite große, weltweite Wirtschaftskrise. Haben Ökonomen diese kommen sehen? Und wäre es überhaupt ihre Aufgabe, solche Wirtschaftskrisen vorherzusagen – vergleichbar etwa mit Tsunamiforschern, die rechtzeitig vor der Naturkatastrophe warnen? Darüber gibt es sicherlich ebenso viele Meinungen, wie es Ökonomen gibt. Eines aber steht fest: Das Problem der Wirtschaftswissenschaften liegt weniger darin, dass sie die Lehman-Pleite nicht vorhergesehen haben. Es scheint vielmehr so zu sein, dass wieder einmal eine Finanzkrise eine Reihe von wissenschaftlichen Annahmen, Theorien und Methoden gewissermaßen am Praxistest hat scheitern lassen. So räumte Friedrich Schneider, ehemaliger Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, 2009 ein: "Die meisten von uns sind ziemlich ratlos. Wir sind in der Krise." Wie konnte das passieren?
Zu den Grundannahmen, die die aktuelle Krise mit sich gerissen hat, gehört das Paradigma, dass Menschen stets rational und egoistisch handeln, dass sie – ebenso wie Unternehmen – Informationen effizient verarbeiten und sich dementsprechend ihre Erwartungen vollkommen rational bilden. Wären wir alle entsprechend eines rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls programmierbare Roboter, dann könnte das vielleicht funktionieren. In der Praxis ist es aber so, dass unser wirtschaftliches Verhalten nicht nur durch unseren Verstand, sondern auch durch Emotionen und gesellschaftliche Normen bestimmt wird.
Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher können uns das – ich möchte fast sagen: glücklicherweise – belegen: Menschen handeln oft alles andere als rational, denn das liegt nun einmal in ihrer Natur. Und dementsprechend bilden sie sich ihre Erwartungen auch nicht auf die beschriebene Weise. Gäbe es sonst etwa ernsthaft noch Raucher unter uns, oder würden wir uns immer wieder aufs Neue zu Anfang eines jeden Jahres vornehmen, ab jetzt aber wirklich gesünder zu leben – nur um den Vorsatz spätestens nach einer Woche wieder zu brechen?
Würden vollkommen rationale Menschen auf perfekten Märkten agieren – eine weitere zentrale Annahme – dann hätte die Weltwirtschaftsgeschichte nicht erst seit 2007 einen dramatisch anderen Verlauf genommen. Aber Keynes hat schon nach der ersten Großen Depression festgestellt, dass es die "animalischen Instinkte" sind, nach denen wirtschaftliches Handelns funktioniert – und auf denen wirtschaftliche Krisen wie diese nicht zuletzt fußen. Forscher wie der Nobelpreisträger George Akerlof und Robert Shiller verfolgen heute den Ansatz der "Animal Spirits", um die irrationalen Verhaltensweisen von Wirtschaftsakteuren wie beispielsweise übermäßigen Optimismus oder Herdentrieb zu beschreiben.
Was folgt aus diesen Erkenntnissen und wissenschaftlichen Kurswechseln für die Wirtschaftspolitik? Sollte der Markt lieber sich selbst überlassen bleiben oder sollte der Staat eher eine aktive Rolle in der Wirtschaft spielen? Auf welcher Basis sollten wirtschaftspolitische Entscheidungen künftig getroffen werden? Und lassen sich Erfolg und Misserfolg von Wirtschaftspolitik auch weiterhin ausschließlich an der Entwicklung des BIP messen?
Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele etablierte Theorien und Modelle der Wirtschaftswissenschaften ins Wanken gebracht – und andere in den Vordergrund gerückt. Aber spiegelt sich das auch in den Hörsälen wider? Werden aktuelle Herausforderungen etwa der Geld- und Schuldenpolitik, Fragen der Wirtschaftsethik oder Aspekte der Geschichte ökonomischen Denkens in der akademischen Lehre aufgegriffen?
Studierende und Dozenten verschiedener Universitäten haben gemeinsam einen "Arbeitskreis Postautistische Ökonomie" gegründet, vielerorts werden von Studierenden Ringvorlesungen organisiert, um über den Tellerrand des traditionellen Lehrplans hinaus zu schauen – frei nach dem Motto des österreichischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek, der einmal gesagt hat: "Ein Physiker, der nur ein guter Physiker ist, kann durchaus ein erstklassiger Physiker sein. Aber gewiss kann niemand ein großer Ökonom sein, der nur Ökonom ist." Und er fügt hinzu, dass der Ökonom, der nur Ökonom sei, leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr werde.
Der Autor
Prof. Dr. AndreasSchlüter ist Gene-
ralsekretär des
Stifterverbandes
für die Deutsche
Wissenschaft.
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am 23./24. Januar 2012
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