Hartmut Rosa zu Risiken und Chancen in der Wissensgesellschaft ...
- Wir befinden uns in einer Experimentierphase, weil keiner so genau weiß, wie man mit neuen Technologien umgehen
muss. Aber das überwältigende Gefühl, das Menschen haben, die sich nicht total der Technik verweigern, dass wir zirkulierende Ströme in Gang gesetzt haben: Datenströme, Bilderströme, die durch uns hindurch fließen. Emotionell, intellektuell und sozial sind wir einer Dynamik unterworfen, die wir nicht kontrollieren können.
- Mein Verdacht ist, dass wir die Welt nicht mehr als Resonanzsphäre wahrnehmen, die uns antwortet und in einen
lebendigen Austausch mit uns tritt, sondern eher als eine Art von instrumentellem Feld, in dem man selektiv be- stimmte Dinge nutzt und andere blockieren muss.
- Die Menschen denken, das Problem liege bei ihnen als individuellen Akteuren – wenn wir ein Zeitpoblem haben, dann
muss es wohl an uns liegen. Die Beschleunigungs- und Steigerungslogik ist in der Natur moderner Gesellschaften und auch in ihren kulturellen Programmen verankert. Deshalb kann man nicht durch Zeitmanagement oder mehr innere Gelassenheit die Probleme lösen.
- Es ist verblüffend, wie sehr wir uns angewöhnt haben, die Qualität einer Arbeit in Steigerungsraten zu messen. Jede
Uni-Leitung misst die Qualität der Beschäftigten an den gestiegenen Drittmitteln, an den gestiegenen Studentenzahlen, an den gestiegenen Promotionszahlen, an den gestiegenen Publikationszahlen. Die Steigerungslogik beherrscht unsere Gesellschaft insgesamt.
- Das alte Konzept von Bürgerlichkeit, sich in der Welt zu positionieren, wird untergehen. Menschen haben nicht mehr
eine feste Position, die sie anstreben. Ich beschreibe das als Übergang von der Positionalität zur Performativität. Man kann zum Surfer oder zum Drifter werden: Der Surfer ist derjenige, der bereit ist zu springen, wenn eine neue Herausforderung kommt – er ist dann bereit, den Beruf, den Wohnort, die politische Orientierung zu wechseln. Er ist in der Lage, auf wechselnde Winde und wechselnde Ströme so zu reagieren, dass er oben bleibt. Da fehlt die Idee einer Zielgerichtetheit des Lebens. Der Drifter geht unter, wird getrieben. Er wird von den Ereignissen überrascht und überwältigt und muss dann sehen, wohin Wind und Wellen ihn dann hintragen.
Download des Videos (FLV, 91 MB) |