Bologna@Germany 2012
Die Erklärung der Personalvorstände führender deutscher Unternehmen im Wortlaut
Kurs halten – Defizite gemeinsam beseitigen:
Studierende, Hochschulen, Politik, Wirtschaft
Seit 2004 haben wir, die Personalvorstände führender Unternehmen in Deutschland, uns im Rahmen der Initiative "Bachelor Welcome!" im Zweijahresrhythmus mit einer gemeinsamen Erklärung zur Umstellung auf die gestufte Studienstruktur bekannt und gleichzeitig Zusagen, aber auch Forderungen an Politik, Hochschulen und Studierende formuliert. Viele Hochschulen haben auch unter schwierigen Reformbedingungen und gegen Widerstände Kurs gehalten. Ebenso Arbeitgeber, Politik und Studierende. Deren Proteste haben berechtigte Anliegen der inneren Reform von Curricula und Studienbedingungen in die Öffentlichkeit gebracht. In den Unternehmen sind die Bachelor- und Masterabsolventen willkommen und weitgehend angekommen, obwohl noch immer festzustellen ist, dass aufgrund curricularer Defizite in manchen Unternehmen besondere Anstrengungen notwendig sind, um insbesondere die Bachelorabsolventen in MINT-Disziplinen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Wir Personalvorstände müssen unsere Stimme aber weiter erheben, denn das Thema der Vernetzung von Bildung und Arbeitsleben wird für die Unternehmen vor dem Hintergrund von Demografie, Fachkräftelücke und Migration eine immer drängendere Herausforderung. Wir werden uns daher weiterhin regelmäßig zu wichtigen Fragen an der Schnittstelle Hochschule und Unternehmen unter dem Motto "Bologna@Germany" in die politische Diskussion einschalten.
Wo stehen wir heute? Die gestufte Studienstruktur ist auf dem Arbeitsmarkt angekommen.
Die Zahlen und Fakten zeigen, dass die formale Umstellung auf die neue Studienstruktur inzwischen weit vorangeschritten ist und wichtige Zwischenetappen erreicht wurden:
- Inzwischen führen 85 Prozent aller Studiengänge an deutschen Hochschulen zu einem Bachelor- bzw. Masterabschluss. Rund 54 Prozent aller Absolventen im Prüfungsjahr 2011 machten einen Bachelor- oder Masterabschluss, im Jahr 2013 werden voraussichtlich drei von vier Absolventen über einen Bachelor- bzw. Masterabschluss verfügen.
- Der Bachelor kommt auf dem Arbeitsmarkt an: 26 Prozent aller Unternehmen haben bereits Bachelorabsolventen eingestellt, bei den Großunternehmen sind es inzwischen fast 70 Prozent. In diesen sind aktuell bis zu zwei Drittel aller Neueinstellungen Bachelor-Absolventen. Zumindest schon rund 50 Prozent der Bachelor-Absolventen von Fachhochschulen – in den Ingenieurwissenschaften dort bisher rund 40 Prozent – sowie ca. 25 Prozent der Bachelor-Absolventen von Universitäten entscheiden sich für einen direkten Berufseinstieg.
- Insbesondere im Mittelstand, aber auch darüber hinaus gilt es, weiterhin offensiv für den Bachelor zu werben, über Einsatzmöglichkeiten in den Unternehmen gezielt zu informieren und verdeckte Vorurteile klar zu adressieren.
- Der erfolgreiche Arbeitsmarkteinstieg von Bachelorabsolventen unterscheidet sich kaum vom Arbeitsmarkteinstieg der Absolventen traditioneller Studiengänge. Fachhochschulabsolventen und Absolventen dualer Studiengänge haben aufgrund der Praxisnähe ihres Hochschultyps einen besseren Berufseinstieg als ihre Kommilitonen von Universitäten. Mit Blick auf die Fächer haben diejenigen Fachrichtungen, die am Arbeitsmarkt stark nachgefragt sind (MINT und BWL) einen erfolgreicheren Start ins Berufsleben als Fächer, in denen es in Unternehmen nicht ausreichend adäquate Stellen gibt (Sprach- und Kulturwissenschaften).
- Der Ingenieur "made in Germany" bleibt ein Markenzeichen. Entscheidend ist hierfür die international anerkannte Qualität der Ausbildung an den Hochschulen, die sich auch in den Bachelor- und Masterabschlüssen manifestieren muss, die den Diplom-Abschluss abgelöst haben. Ein Teil der Entscheider in Wirtschaft, Hochschulen, Verwaltung und Politik hat noch nicht die Chancen der gestuften Studienstruktur erkannt, insbesondere für den ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Hier stehen noch Reformaufgaben für die Studiengänge an den Hochschulen und darauf folgend Überzeugungsarbeit in den Unternehmen an.
- Deutlich mehr Studierende als früher schließen in der Regelstudienzeit ihr Studium ab. Das Durchschnittsalter der Absolventen beim ersten berufsqualifizierenden Abschluss konnte um zwei bis drei Jahre gesenkt werden. Die Absolventen senken so ihre Bildungsausgaben und erhöhen ihre individuelle Bildungsrendite.
- Der Zugang zum Studium ist erweitert worden. Gleichzeitig gilt es sicherzustellen, dass die Attraktivität und Wertigkeit der beruflichen Ausbildung erhalten bleibt. Daher müssen mehr Schnittstellen zwischen der akademischen und der beruflichen Ausbildung geschaffen werden.
Wo wollen wir hin? Nach der Grobarchitektur ist jetzt Feinschliff nötig.
In sechs zentralen Feldern müssen wir in den nächsten Jahren deutliche Verbesserungen erzielen, um das Potenzial der Bologna-Strukturen für die Entfaltung jedes Einzelnen und die Talententwicklung in den Unternehmen bestmöglich zu nutzen:
1. Mehr berufsbegleitende und Vollzeit-Weiterbildung
Das Angebot an weiterbildenden insbesondere berufsbegleitenden Studiengängen muss endlich deutlich ausgebaut werden. Hochschulen müssen ihre zukünftige Rolle als Anbieter für ein lebenslanges Lernen, dessen Bedeutung im Rahmen eines lebensphasenorientierten Personalmanagements zunimmt, und Partner im Beschäftigungslebenszyklus erkennen. Faktisch verweigern sich viele Hochschulen bisher dem Studium für Berufstätige, zudem behindern Regelungen einiger Bundesländer die Einrichtung flexibler, weiterbildender Studienangebote unnötig – ein bildungspolitisches Versäumnis, das wir uns nicht leisten können. Erst wenn auf breiter Front entsprechende non-konsekutive wissenschaftliche Weiterbildungsangebote – berufsbegleitend, flexibel und modular – vorhanden sind, werden mehr Bachelorabsolventen als bisher direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen. Studierende wie Hochschulen überschätzen immer noch den konsekutiven Master, der für die Mehrheit der Positionen in den Unternehmen und betrieblichen Funktionen keine Voraussetzung für einen erfolgreichen Berufseinstieg und Karriereentwicklung ist – auch nicht im technisch-naturwissenschaftlichen Feld. Stattdessen müssen viel stärker als bisher weiterbildende Studiengänge und wissenschaftliche Fortbildungen zur Profilschärfung im Bereich der Lehre genutzt werden. Insbesondere berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge sind der Schlüssel zu einer höheren Durchlässigkeit im Bildungssystem. Hier müssen die starren KMK-Strukturvorgaben, die die Einrichtung dieser Studiengänge derzeit behindern, geändert werden. Unternehmen andererseits müssen aber auch klar ihre Weiterbildungsbedarfe definieren, gegenüber den Hochschulen kommunizieren und entsprechende Partnerschaften eingehen.
2. Mehr Praxisorientierung
Praxisorientierung und Praxisrelevanz der Lehre sind insbesondere an Universitäten sowohl aus Sicht der Studierenden als auch der Unternehmen immer noch nicht befriedigend. Nur 17 Prozent der Studierenden an Universitäten und 32 Prozent der Studierenden an Fachhochschulen berichten über eine besonders gute Praxisausbildung – ein vernichtendes Urteil nach der langjährigem Kritik an diesem Zustand. Drei Viertel der Unternehmen wünschen sich einen stärkeren Praxisbezug der Lehrinhalte und fast zwei Drittel der Unternehmen plädieren für längere Praxisphasen: Bereits im Studium durch Praktika sowie durch projektbasiertes und problemorientiertes Lernen. Seitens der Hochschulen sollten die Praktika in die Curricula integriert bzw. Prüfungsphasen so gelegt werden, dass ein Zeitrahmen von mindestens drei Monaten für ein Praktikum, Praxissemester oder Werkstudentenmodelle bleibt. Bereits bewährt haben sich duale Studienmodelle durch ihre curriculare Integration von Theorie und Praxis – diese Studienangebote sollten seitens der Hochschulen ausgebaut werden. Nur durch diese Maßnahmen kann persönliche Orientierung in der Berufsfindung, Klarheit zu den Anforderungen des Berufslebens sowie individuelle Beschäftigungsfähigkeit gestärkt werden. Dazu gehört auch die Anerkennung von im Berufsleben erworbenen Kompetenzen für den Studienzugang.
3. Verstärkter Fokus auf gute erfolgreiche Lehre
Gute Lehre motiviert Interessierte für ein Studienfach und bewahrt die Zweifelnden vor vorzeitigen Studienabbrüchen, deren Quote insbesondere an Universitäten deutlich gestiegen und in den so wichtigen Fachrichtungen wie Maschinenbau und Elektrotechnik mit über 50 Prozent dramatisch hoch ist. Den Absolventen vermittelt gute Lehre die Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie zur späteren Bewältigung der beruflichen Herausforderungen benötigen. Darüber hinaus ermöglicht sie die persönliche Potenzialentfaltung, die sich an den individuellen Stärken jedes Studierenden orientieren sollte. Professoren müssen genauso hervorragende Lehrende wie Forscher und auch Personalentwickler sein und Engagement in der Lehre muss stärker als bisher honoriert werden. Die Hochschulen haben dafür die curricularen und personalpolitischen Rahmenbedingungen zu schaffen. Gute Lehre zur Ausschöpfung des intellektuellen Potenzials in unserem Lande wird noch wichtiger werden, wenn auf die derzeitig hohen Studienanfängerzahlen demografisch schwächere Jahrgänge folgen.
4. Verstärkter Fokus auf überfachliche Kompetenzen
Fach- und Methodenkompetenzen bilden das Kernstück der akademischen Ausbildung. Aber Unternehmen stellen vor allem gut gebildete Persönlichkeiten und nicht formale Abschlüsse ein. Soziale und personale Kompetenzen auf Feldern wie Kommunikation, Kooperation, Konfliktlösung, realistische Selbsteinschätzung und interkulturelle Kompetenzen im Sinne einer umfassenden Persönlichkeitsentwicklung und Werteorientierung prägen entscheidend das Qualifikationsprofil von Absolventen und müssen wesentlich stärker als bisher und integriert in die Vermittlung fachlicher Kompetenzen an den Hochschulen erworben werden. Deshalb ist die wesentliche Aufgabe der Hochschulen die integrierte Vermittlung überfachlicher Kompetenzen.
5. Mehr Vielfalt
Studierende mit Migrationshintergrund, aus bildungsferneren Schichten sowie Frauen in MINT-Fächern sind unterproportional an den Hochschulen vertreten. Für die Erhöhung des Frauenanteils unter den Studierenden insbesondere in den MINT-Fächern müssen durch die Hochschulen einerseits die Einrichtung von Teilzeitstudiengängen sowie die Unterstützung der Vereinbarkeit von Studium und Familie (z. B. durch Kinderbetreuung) und andererseits die Steigerung des Anteils der Professorinnen besonders in den MINT-Fächern forciert werden. Der Anteil der Studienanfänger ohne Abitur liegt bei lediglich rund 2 Prozent. Diese Verschwendung von volkswirtschaftlichen Potenzialen dürfen wir uns nicht länger leisten. Die Gewinnung und Einbindung von neuen Studierenden- und Absolventengruppen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hochschulen müssen hier ihren Beitrag zur gesellschaftlichen und ökonomischen Innovation leisten. Deutlich mehr Diversity ist aber auch bei der Zusammensetzung der Professorenschaft und der Hochschulleitungen nötig. Diversity bedeutet auch Vielfalt der Hochschullandschaft und ihrer Bildungsangebote. Hochschule, Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam die Willkommenskultur für internationale Studierende und Absolventen, insbesondere auch für Bildungsinländer, in Hochschule und Unternehmen stärken, um sie so als Fachkräfte für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen.
6. Beendigung der Ausnahmen
Es gibt keinen Grund, die staatlich reglementierten Studiengänge von der Reform auszunehmen. Die Politik muss endlich auch die Staatsexamensstudiengänge Jura, Medizin und Lehramt auf die Bologna-Struktur umstellen. Nicht zuletzt sollte die Politik auch den höheren Dienst in der Beamtenlaufbahn für Bachelorabsolventen mit Berufserfahrung öffnen, denn vom öffentlichen Dienst geht eine erhebliche Signalwirkung für den gesamten Arbeitsmarkt aus.
Hochschulische Bildung braucht auch eine adäquate Finanzierung: Bund und Länder müssen daher dringend insbesondere vor dem Hintergrund der weiterhin hohen Studienanfängerzahlen die dramatische Unterfinanzierung der Hochschulen beenden.
Bildung ist zentral für die Weiterentwicklung jeder Nation und damit auch für die wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Kraft sowie die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Sie ist entscheidend für die Chancen jedes Einzelnen, qualifiziert die eigenen Potenziale zu entfalten und wirtschaftlich, sozial und zivilbürgerlich teilzuhaben. Die Unternehmen setzen sich daher kontinuierlich für eine breite und nachhaltige Verbesserung der Leistungen unseres Bildungssystems ein und machen dabei deutlich, dass Bildung auch und gerade jenseits der reinen ökonomischen Verwertbarkeit ihren Wert hat.
Berlin, den 25. Oktober 2012
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