Forschung in der Hochschulbildung

Entwurf für das Kapitel 10 der Charta guter Lehre (Auszug)



Unsere Grundüberzeugungen


Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse sind eine entscheidende Voraussetzung zur zielgerichteten Entwicklung einer professionellen Lehre und Studiengestaltung. Die Weiterentwicklung von Hochschullehre und Studiumsgestaltung bedarf deshalb einer wissenschaftlichen, Theorie und Praxis integrierenden Fundierung und Begleitung.

Forschungsbedarf besteht derzeit auf allen Ebenen der Hochschullehre: Der individuellen Lehrkompetenzen, der curricularen Planung und Weiterentwicklung und der politisch-organisationalen Rahmenbedingungen.

Für eine gute Hochschullehre sind forschungsorientierte Aktivitäten in folgenden Feldern erforderlich:
  • Unterstützung der Implementierung von bereits vorhandener Evidenz in die aktuelle Hochschullehre
  • Erweiterung evidenzbasierten Wissens insbesondere im Bereich eines verbesserten Verständnisses von hochschulischem Lernen und Lehren und von zugrundeliegenden theoretischen Rahmenwerken
  • Klärung von gesellschaftlichen Interessen und Kräfteverhältnissen in Bezug auf den Stellenwert der Hochschullehre mit dem Ziel einer Verbesserung der dafür verfügbaren Ressourcen


Hochschuldidaktische Hochschulforschung umfasst Grundlagenforschung zu Lehre und Studium und bezieht unter interdisziplinärer Perspektive diejenigen Fächer ein, die sich in Forschung und Entwicklung mit diesen Fragen  befassen. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch in einem Anwendungsbezug, der auf  Qualitätsentwicklung  in der Hochschulbildung abzielt.

Anstatt in dieser Situation in eine Neuauflage eines wissenschafts- bzw. erkenntnistheoretischen  und methodologischen Diskurses einzusteigen, soll an dieser Stelle mit Blick auf die Konstitution guter Lehre versucht werden, die Rollenkonstellationen, in die Forscher und Beforschte in verschiedenen Szenarien treten sortiert werden.


Grundsätze und Leitlinien


Eine an hochschuldidaktischen Belangen ausgerichtete  Bildungsforschung sollte sich daher an folgenden Leitvorstellungen ausrichten:

Forschung in der Hochschulbildung ist in erster Linie anwendungsorientiert
Sie versteht sich in erster Linie als eine anwendungsorientierte Forschung, die die Voraussetzungen und Wirkungen von hochschuldidaktischen Interventionen auf der Ebene der Curricula (im Sinne einer Curriculumentwicklung), der Lehrenden (im Sinne einer Kompetenzentwicklung) und der Hochschule als Bildungsorganisation (im Sinne einer Organisations- und Governance-Entwicklung) untersucht und analysiert.

Forschung in der Hochschulbildung ist auf die Kooperation mit den Hochschulangehörigen angewiesen
Bei der Untersuchung wird eine enge Kooperation mit den beteiligten Akteuren bzw. Untersuchungspartnern (in der Regel die Lehrenden, Studierenden und Studiengangverantwortlichen) realisiert, um Erkenntnispotenziale der Forschung möglichst unmittelbar für die betrachteten Praxiszusammenhänge zu generieren und nutzbar machen zu können.

Forschung in der Hochschulbildung folgt den Paradigmen der Bildungsforschung
Methodologisch orientiert sich die hochschuldidaktische Bildungsforschung an Paradigmen der empirischen Bildungs- und Hochschulforschung, wobei hier sowohl quantitative als auch qualitative Ausrichtungen der Bildungs- und Hochschulforschung zu berücksichtigen sind.

Forschung in der Hochschulbildung integriert formative und summative Aspekte
Neben summativen Aspekten der Forschungsziele (im Sinne bilanzierender und ergebnisorientierter Forschungsfragen) werden soweit möglich immer auch formative Aspekte (im Sinne prozessbegleitender auf Weiterentwicklung gerichteter Forschungsfragen) als Zielsetzung der hochschuldidaktischen Bildungsforschung mitverfolgt; dies kann beispielsweise durch relativ unmittelbare Rückkopplungen der Forschungsergebnisse an die Untersuchungspartner realisiert werden.

Forschung in der Hochschulbildung unterstützt Selbstreflexion
Die Untersuchungsdesigns sind darüber hinaus auch darauf angelegt, dass sie Erkenntnisse zum Selbstverständnis von Lehrenden in Bezug auf ihr Lehrverständnis und ihr Professionsverständnis sowie damit verbundenen Überzeugungen und Haltungen liefern und damit fundierte und evidenzbasierte Hinweise zur Selbstverständigung und Selbstreflexion des eigenen Handelns als Lehrende/r ermöglichen.

Forschung in der Hochschulbildung ist mit dem Qualitätsmanagement verknüpft
Hochschuldidaktische Bildungsforschung liefert nicht zuletzt die Grundlage dafür, dass das eigene Handeln als Lehrende/r oder anderer hochschuldidaktischer Akteure evidenzbasiert legitimiert werden kann. Hochschuldidaktische Bildungsforschung sollte schließlich in ein hochschulisches Qualitätsmanagement Eingang finden, um Lehre und Studium in ein umfassendes Verständnis von "quality enhancement" bzw. exzellenter Lehre einzubinden.

Interdisziplinäres Kolleg Hochschuldidaktik, Uni Frankfurt schrieb am 2013-01-12 12:40:42

Als Ergänzung zu diesem wichtigen Kapitel der Charta möchten wir noch zu betonen, dass es neben der (notwendigen) stark anwendungsorientierte Forschung auch wichtig ist, eine eher grundlagenorientierte Forschung zu Kompetenzmodellen Lehrender an Hochschulen zu stärken. Zentral ist insgesamt insbesondere, die vereinzelt bestehenden Ansätze der qualitativen Erfassung von Lehrkompetenz mit einer experimentellen und quasi-experimentellen Bearbeitung dieser Thematik zu verknüpfen.

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