Governance
Entwurf für das Kapitel 8 der Charta guter Lehre (Auszug)
Unsere Grundüberzeugungen
Hochschulen bewegen sich vor einem komplexen, durch starken Wandel geprägten und hoch viablen Hintergrund. Die unterschiedlichen Mitglieder einer Hochschule (zum Beispiel Lehrende, Verwaltung etc.) haben einen hohen Spezialisierungs- und Professionalisierungsgrad erreicht und die hohe Eigenmotivation der Leistungsträger aller Ebenen (Studierende, wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter/innen, Professor/inn/en) ist entscheidend für die Weiterentwicklung. Gute Governance muss mit einer solchen Vielschichtigkeit und Unterschiedlichkeit bzw. Diversität produktiv umgehen können.
Ziel guter Governance ist die funktionierende Selbstorganisation der Hochschule. Dabei verpflichtet sich die Hochschule nicht den Einzelinteressen ihrer Mitglieder oder Gruppen sondern dem "Gesamtwohl" der Hochschule. Damit dies möglich wird, muss dieses Gesamtwohl legitimiert und breit akzeptiert sein. Die Einbindung aller Ebenen in die Entwicklung von Zielen ist daher notwendig.
Gute Governance legt das Subsidiaritätsprinzip zu Grunde, bei dem das Miteinander der einzelnen Ebenen im Vordergrund steht. Entscheidungen und Ziele einer jeden Ebene werden dabei vor dem Hintergrund der gesamtstrategischen Ausrichtung getroffen/gesetzt, können aber wiederum gleichzeitig die Gesamtentwicklung beeinflussen.
Förderlich sind dabei (Reihenfolge ohne Priorisierung)
- Transparenz und Offenheit (zum Beispiel in Prozessen der Entscheidungsfindung; bei der Zuweisung von Rollen),
- klare Kommunikationsstrukturen,
- Subsidiaritätsprinzip (Strategien verschiedener Steuerungsebenen gegeneinander abwägen und in Austauschbeziehungen bringen),
- wirksame Partizipation,
- klare Verantwortlichkeiten (hinsichtlich Entscheidungskompetenz und Ergebnisverantwortung) verbunden mit einer Rechenschaftspflicht (Accountability) und
- Umsetzung des organisationalen Leitbilds.
Gute Governance beinhaltet im Bereich der Lehre daher die Definition und das Bewusstsein für Kompetenzen und Verantwortlichkeiten auf den einzelnen Steuerungsebenen, auch temporär. Gegenstand der Analyse von Governance an Hochschulen ist die Hinterfragung, ob die herrschenden Strukturen den Anforderungen an gute Governance gerecht werden. Die Handlungsfähigkeit der Hochschule/Hochschulleitung muss gegeben sein. Spielregeln, Umgangsregeln, gutes Miteinander sind zu definieren und zu leben. Und über diese Definition des guten Miteinanders kann eine Überprüfbarkeit und Operationalisierung von Kriterien möglich werden.
Gute Governance benötigt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Zusammenspiel von führen und sich führen lassen, leiten und sich leiten lassen, lenken und sich lenken lassen, steuern und sich steuern lassen, um eine effiziente, in der Breite getragene Festlegung von Zielen sowie das Erreichen derselben zu gewährleisten.
Grundsätze und Leitlinien
Gute Governance strahlt also sehr breit und wirkt in fast alle Bereiche der Hochschule hinein. Die Grundsätze und Leitlinien von Governance orientieren sich dabei an fünf sogenannten Enabler-Kriterien (oder auch Befähiger-Kriterien), wie sie auch in anderen Exzellenz-Modellen (zum Beispiel EFQM, Initiative Ludwig-Erhard-Preis) genutzt werden und die in der Lage sind eine solche Vielschichtigkeit in sich zu vereinigen.
Die Enabler-Kriterien lauten
- Führung,
- Strategie,
- Mitarbeiter/innen (Lehrende und das die Lehre unterstützende Personal (hier: Mitwirkende),
- Ressourcen und Kooperationen/Partnerschaften sowie
- Prozesse
Führung:
- Die Hochschule entwickelt ein Führungssystem, das geeignet ist, ihre definierten Ziele zu erreichen.
- Das Führungssystem bindet alle Verantwortung Tragenden der Hochschule mit ein und ist in der Lage, Gesamt- und Partikular-Ziele zu integrieren.
- Das Führungssystem basiert auf dem Leitbild und Führungsverständnis der Hochschule.
- Über das Führungssystem wird der (notwendige und tatsächliche) Wandel der Organisation erkannt und produktiv gestaltet (aktiv und reaktiv).
Strategie:
- Die Strategie wird entwickelt, entschieden, kommuniziert, bewertet und unterliegt einer stetigen Anpassung.
- Die Identifikation der Ziele, insbesondere die der Lehre, und die Herstellung des Common Sense werden als Teil dieser Strategie gesehen (Lehre als Teil der Gesamtstrategie).
- Die Strategie beruht auf einer Diskussion der gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse und Erwartungen der Interessengruppen und einer abschließenden Entscheidung.
- Die Entwicklung und Bewertung der Strategie beruht auch auf Fakten und Vergleichen, wie z. B. Evaluationsergebnissen, Verbleibstudien, hochschuldidaktischen Erkenntnissen, weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen, good practice-Erfahrungen.
- Die Strategie wird kommuniziert und durch ein Netzwerk von Schlüsselprozessen umgesetzt.
Lehrende und das die Lehre unterstützende Personal (hier: Mitwirkende):
- Die Anforderungsprofile (u.a. fachliche und überfachliche Kompetenzen) der Mitwirkenden sind definiert und werden beständig neuen Anforderungen angepasst.
- Die Entwicklung fachlicher und überfachlicher Kompetenzen wird gefördert (zum Beispiel durch Personalentwicklung).
- Mitwirkende werden eingebunden, handeln abgestimmt und verbindlich (vgl. Subsidiaritätsprinzip).
- Die Mitwirkenden und die Organisation führen einen Dialog.
- Es gibt eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung aller Mitwirkenden.
- Es gibt Motivations- und Anreizsysteme für die Mitwirkenden.
- Professionalisierung der Lehrenden beinhaltet auch die bewusste Annahme des Sichleitenlassens, des Experimentierens und damit des Fehlermachendürfens.
Ressourcen:
Alle Ressourcen (Personal, Finanzen, Sachausstattung, Wissen, Information, Technologie etc.) werden geplant, gesteuert und optimiert.
Kooperationen/Partnerschaften:
- Externe Partnerschaften (mit Schulen, Instituten, Lehrbeauftragten, anderen Hochschulen, Unternehmen etc.) werden geplant, institutionalisiert und laufend weiter entwickelt.
- Interne Partnerschaften (Synergien zwischen zentralen und Querschnittsfunktionen, Dienstleistungsaustausch zwischen Fachbereichen/Fakultäten etc.) werden geplant, gesteuert und verbessert.
Prozesse:
- Prozesse werden systematisch unter Einbindung der Akteure gestaltet, gesteuert und nach Bedarf und unter Nutzung von Innovationen kontinuierlich verbessert.
- Alle wesentlichen Aktivitäten sind als Prozesse systematisch ausgestaltet und festgelegt.
- Angebote und Leistungen werden auf Basis der Bedürfnisse und Erwartungen der Kunden und Partner entworfen und entwickelt.

Autoren
Diana Casel
TU Kaiserslautern
Lorina Hermann
TU Kaiserslautern
Martin Holzwarth
TU Kaiserslautern
Lothar Litz
TU Kaiserslautern
Stephan Oberfranz
TU Kaiserslautern
Kathrin Schneider
TU Kaiserslautern
Felix Gathmann
RWTH Aachen
Wolfgang Lukas
Hochschule Bremerhaven
Nils Paskarbies
Hochschule Bremerhaven
Rudolf Bauer
TU München
Claudia Meijerling
TU München
Philipp Pohlenz
Universität Potsdam
Thilo Offergeld schrieb am 2012-11-30 18:33:53
Den allgemeinen Themenbereich ‚Governance’ in dieser knappen Form als Teil der Charta guter Lehre darzustellen ist eine vielleicht kaum befriedigend zu lösende und gewiss eher undankbare Aufgabe. In der vorliegenden Form hat das Kapitel teilweise noch Züge einer Materialsammlung, würde jedenfalls von einer stärkeren inhaltlichen und sprachlichen Durcharbeitung sehr profitieren. Dabei sollten nach meinem Dafürhalten zum einen die Theorie- und Begriffs-Kontexte, auf die rekurriert wird, deutlicher benannt und unterschieden werden, zum anderen die Verknüpfung vom Generellen zum Konkreten gelegentlich exemplarisch hergestellt werden, so dass der Bezug zu Fragen der guten Lehre deutlicher wird. Auch der – bei diesem Bereich besonders nahe liegenden - Gefahr, Selbstverständlichkeiten zu formulieren, könnte man sich vielleicht noch konsequenter entziehen, ein Versuch dazu würde sich lohnen.
Interdisziplinäres Kolleg Hochschuldidaktik, Uni Frankfurt schrieb am 2013-01-12 12:38:16
Zum Punkt "Unsere Grundüberzeugungen" im Abschnitt "Förderlich sind dabei (Reihenfolge ohne Priorisierung)" sollte folgender Punkt ergänzt werden: "Um EFQM vollständig umzusetzen, sollten zu jedem Kriterium die Ergebnisse bzw. Möglichkeiten zur Ergebnismessung angegeben sein."