Motivation und Anreize
Entwurf für das Kapitel 5 der Charta guter Lehre (Auszug)
Unsere Grundüberzeugungen
Damit Hochschulen ihre Handlungsoptionen als strategische Organisationen in der Lehre ausbauen können, ist es unabdingbar, dass alle Hochschulangehörigen für Optimierungsprozesse gewonnen werden. Mit Hilfe angemessen gestalteter Anreiz- und Motivationssysteme sowie geeigneter Rahmenbedingungen kann eine zentralere Wahrnehmung der Lehre erreicht werden.
Aufgrund der besonderen strukturellen Faktoren ist bei der Entwicklung von Anreiz- und Motivationssystemen an Hochschulen insbesondere die Förderung der intrinsischen (d.h. nicht alleine am Ergebnis orientierte, sondern in der Tätigkeit selbst liegende Motivation) von zentraler Bedeutung. Es ist davon auszugehen, dass Anreiz- und Motivationssysteme in der Lehre besonders dann wirksam sind, wenn folgende Faktoren berücksichtigt werden:
- Für die Entwicklung einer Kultur guter Lehre ist Anreizen der Vorzug zu geben, die besonders die intrinsische Motivation stärken. Extrinsische Anreizformen können jedoch in der Kombination mit intrinsischen Anreizen das Verhalten positiv beeinflussen.
- Motivation entsteht aus dem Zusammenspiel von motivierenden und motivierten Personen und einer motivierenden Situation, d.h. es müssen geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Eine Kultur des Lehrens und Lernens wird durch die folgenden Faktoren begünstigt bzw. positiv beeinflusst, die bei der Durchführung des Anreizsystems berücksichtigt werden müssen:
- Wahrnehmung von Autonomie durch den Einzelnen
- Einbringen der individuellen Kompetenz
- soziale Eingebundenheit
- Vorhandensein eines verbindlichen, transparenten, strategischen Gesamtkonzepts der Lehre
- Verfügbarkeit adäquater Ressourcen
Grundsätze und Leitlinien
Um die Faktoren für ein hohes Niveau des Engagements für Lehre der Hochschule insgesamt bestimmen zu können, müssen die strukturellen Bedingungen und die individuelle Handlungsentscheidung gleichermaßen berücksichtigt werden. Insbesondere ist es erforderlich, ein hochschulweites Leitbild für eine Kultur guter Lehre und ein darauf basierendes Konzept zu entwickeln, in dem die strategischen Überlegungen zu einem Motivations- und Anreizsystem in Form von strukturellen Veränderungen und Maßnahmen operationalisiert sind.
Insgesamt ergeben sich folgende Kernthesen einer guten Lehr-/Lernkultur als Grundlage für die Entwicklung von Motivations- und Anreizsystemen im Hochschulbereich:
Basis:
- Gute Lehre und gute Forschung stehen nicht in Konkurrenz zueinander.
- Gute Lehre steht nicht im Widerspruch zu einem hohen wissenschaftlichen Anspruch.
- Es ist viel befriedigender, gut zu lehren und zu beobachten, wie sich die Potenziale der Studierenden entfalten.
Sichtbarkeit:
Die Bewertung der Forschung ist zeit- und ortsunabhängig möglich, da ihre Ergebnisse als Produkte vorliegen, die anderen für ihre Arbeit zur Verfügung stehen. Die Lehre selbst ist vorrangig ein Prozess, dessen Qualität für am Prozess selbst nicht Beteiligte kaum sichtbar und für die eigene Lehre kaum verwertbar wird. Darum ist besondere Aufmerksamkeit auf die Sichtbarmachung guter Lehre erforderlich, damit diese im wissenschaftlichen Wettbewerb Bedeutung gewinnt. Ein motivierender Faktor für die Lehrenden ist hierbei die hohe Qualität der Absolventinnen und Absolventen, die ihrerseits die wissenschaftliche Entwicklung auf ihren Gebieten vorantreiben.
Individualität:
- Da es verschiedene Lern- und Persönlichkeitsstrukturen unter den Lernenden gibt, ist auch ein diversifiziertes Portfolio von Lehrtypen notwendig.
- Motivations- und Anreizsysteme müssen Bedingungen schaffen, damit jede/r Einzelne im Rahmen seines bzw. ihres individuellen Leistungsspektrums an seine bzw. ihre obere Grenze geht. Auszeichnungen eines „absolut besten Lehrers„ (Heldentum) schaffen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Bedeutung guter Lehre, haben allerdings nur höchst eingeschränkte Motivationswirkung für die individuelle Lehre, da solche Lehrende und deren Lehrleistungen als unerreichbar oder sie als Ausnahmetalente gelten könnten. Auszeichnungen für gute Lehre müssen ihren Schwerpunkt daher auf die Sichtbarmachung von role models legen, also Vorbildern, die als Inspiration für ihre Kolleg/inn/en dienen können.
Synergiepotenziale:
- Das Niveau des Engagements für Lehre an der Hochschule ergibt sich aus der sich positiv gegenseitig verstärkenden Wechselwirkung des Einzelengagements aller Hochschulangehörigen.
- Individuen verfolgen Partikularinteressen, die nicht notwendigerweise zu einem optimalen Gesamtsystem führen. Motivations- und Anreizsysteme sollten daher so entworfen werden, dass sich aus dem optimalen individuellen Lehrverhalten ein optimales Ganzes ergibt.
Bewertung:
- Bei der Konzeption von neuen Anreiz- und Motivationssystemen sind Kriterien zu identifizieren, an denen sich deren Wirksamkeit bewerten lässt.
- Bei der Bewertung von neuen Anreiz- und Motivationsmaßnahmen sind immer auch mögliche Nebenwirkungen zu berücksichtigen.
- Alle Maßnahmen müssen sich daran messen lassen, ob durch sie in der Summe aller ihrer Wirkungen netto die Lehrkultur der Hochschule verbessert wird.

Autoren
An der Erarbeitung dieses Kapitels haben mitgewirkt:
Andrea Echtler
TU München

Peter Gritzmann
TU München

Simone Gruber
TU München

Claudia Meijering
TU München

Richard Wolf
TU München
Frank Hees
RWTH Aachen
Kathrin Kohlenberg-Müller
Hochschule Fulda
Ulrich Löffler
Universität Göttingen
Jan Ehlers
Stiftung Tierärztliche
Hochschule Hannover
Christiane Borchard
Universität Kassel
Andrea Echtler
TU München
Peter Gritzmann
TU München
Simone Gruber
TU München
Claudia Meijering
TU München
Richard Wolf
TU München
Frank Hees
RWTH Aachen
Kathrin Kohlenberg-Müller
Hochschule Fulda
Ulrich Löffler
Universität Göttingen
Jan Ehlers
Stiftung Tierärztliche
Hochschule Hannover
Christiane Borchard
Universität Kassel
Simon Koch, Qualitätsbüro, Universität des Saarlandes schrieb am 2012-11-29 16:39:57
Vielen Dank für die Ausarbeitung des Kapitels. Herr Wolfs Team führt die wesentlichen Vorgaben bei der Entwicklung eines funktionierenden Motivations- und Anreizsystems in der Lehre an, charakterisiert dieses richtigerweise als Summe von individuellen Motivationsformen. Allerdings wären konkrete Umsetzungsvorschläge wünschenswert, wenn scheinbare Gegenpole im Kontext des Anreizsystems miteinander in Beziehung gesetzt werden, beispielsweise wie man eine positive Kombination von intrinsischen und extrinsischen Anreizformen erreichen kann, wenn man aber den oftmals auftretenden Effekt vermeiden möchte, intrinsische Motivation durch extrinsische Anreizformen negativ zu beeinflussen. Ebenso bleibt offen, über welche konkreten Anreizformen sich gute Lehre, gute Forschung und wissenschaftliches Anspruchsdenken miteinander verbinden lassen. Zuletzt könnten einzelne Bewertungskriterien zur Überprüfung der Wirksamkeit explizit benannt werden.
Interdisziplinäres Kolleg Hochschuldidaktik, Uni Frankfurt schrieb am 2013-01-12 12:32:16
Die in diesem Kapitel der Charta formulierten Empfehlungen sollten durchaus noch einen Schritt weiter gehen: Im Sinne der Bedeutungserhöhung von "Lehre" sollten (wissenschaftlich haltbare) Indikatoren für "gute Lehre" dort wo es möglich ist, in die variablen Vergütungssysteme, aber auch in Berufungs- und Bewerbungsverfahren etc. mit einbezogen werden.